Sandsturm über Gaza

Omar Jussuf gerät nolens volens in seinen zweiten Fall.  Es genügt eine Reise von Bethlehem nach Gaza Stadt, und die Gewalt ist um ihn. Damit ist auch schon der Grundton dieses Krimis beschrieben: eine politische und menschliche Verzweiflung an den Mechaniken und Dispositionen der Gewalt im besetzten Gaza. Interessant ist diese Perspektive schon deshalb, weil man als Leser die Nahost-Diskussion meist in der Polarisierung zwischen rees2Israelis und Palästinensern wahrnimmt. In diesem Buch aber spielen die Israelis nur eine nachgeordnete Rolle: Die Konflikte, Machtkämpfe und politischen Morde ereignen sich in Gaza, zwischen den politischen Gruppierungen innerhalb der Fatah, ihrer Geheimdienste und der konkurrierenden Miliz-Brigaden. Der Geschichtslehrer Omar Jussuf reist mit einem UNO-Kollegen von der Westbank in den Gazastreifen, um eine Schulinspektion durchzuführen. Als es zum Mord an einem anderen Mitarbeiter kommt, zieht die UNO alle Kräfte aus dem Gebiet ab, und Omar Jussuf ist auf sich allein gestellt.

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Krimihandlung lasse ich nicht aus Anstand gegenüber dem spannungsfreudigen Leser beiseite , sondern weil ich während der Lektüre mehrfach den Überblick verloren habe, wer gegen wen taktiert, wer mit wem paktiert und wer der gröbere und gewaltbereitere Palästinenser ist. Das mag auch mit der Ignoranz des Westlers zu tun haben, sich arabische Namen zu merken, aber es wird nicht dadurch besser, dass der eine von zwei Westlern ein Schwede ist und Wallender heißt, das Hirn mithin bei jeder Namensnennung trotz des kleinen “e” einen Sidestep nach Ystad macht. Die originelle Konstruktion der Krimihandlung gehört sicher auch nicht zu den Hauptanliegen des Journalisten Rees, der die literarische Form wählt, um von seinen Erfahrungen aus Nahost zu berichten. Einem Geschichtslehrer lassen sich nun auch in jedem Dialog sehr gut Exkurse über historische Fragestellungen anhängen. Die in der Tat kenntnisreich sind und die ebenso wie die genauen Beschreibungen des Alltags im Terror den Lesemotor am Laufen halten. Die Figur des moralisch integren und etwas sentimentalen Lehrers scheint mir aber letztlich auf merkwürdige Weise missglückt. Der Roman ist in seiner Schreibweise, in seinem Impetus und der Machart sehr amerikanisch. Der Detektiv trägt deutliche Spuren seiner klassischen Vorbilder, gleichzeitig treibt ihn, den “guten” Araber,  die Sehnsucht nach einer verlorenen intakten arabischen Kultur, eine Sehnsucht, die im Nachklang sehr schief als westliche Projektion erscheint.

Gegen den Krimi “Ein Grab in Gaza” lässt sich also einiges einwenden, die Erzählung aus  Gaza ist zu empfehlen. Als anspruchsvoller Kunde würde ich mir wünschen, einen ähnlich gelagerten Krimi von einem palästinensischen Autor zu lesen. Über den ersten Fall für Omar Jussuf (“Der Verräter Bethlehem”) haben wir berichtet. Ein beachtlicher Erfolg auf dem deutschen Buchmarkt. Die Übersetzung von Klaus Modick gibt auch dem zweiten Titel wieder einen sehr eigenen Übersetzungston, dicht am englischen Original, manchmal vielleicht literarisierender, als es der Text hergibt.

Matt Beynon Rees: Ein Grab in Gaza. Omar Jussufs zweiter Fall. München: C.H. Beck 2009, ISBN 978 3 406 582417

Palästinenser unter sich

Rees: Der Verräter von Bethlehem

25% der belletristischen Titel im Buchhandel seien Krimis, stand neulich in der Branchenpresse.
Rees hat ein gutes Buch geschrieben, aber wie überdrüssig ist man dieser auf Teufel heraus orginell konzipierten Detektivfiguren, die allmählich jeden Marktflecken dieser Welt literarisch kartographieren und serientauglich aufbereiten.
Die Krimihandlung ist überflüssig – aber die Geschichte gut erzählt, aufmerksam und kenntnisreich, und man erfährt Unglaubliches, Konkretes und Politisches aus Palästina. Sympathisch ist die Figur allemal: Omar Jussuf, ein alternder, leicht sentimentaler Lehrer. Nathan, der Weise.
Die Guten und die Bösen gehen einem unterwegs verloren. Der Text zerlegt die politischen Meinungen, die man mühsam genug sich zusammen gebaut hat. Sehr lustig: der Schulleiter (nur nicht sein Tod, natürlich).
Und ich erinnere mich an den Nachmittag in Bethlemen, als Politik so unangenehm konkret wurde und die Dinge, die Worte und die Ängste sich ineinanderschoben.
Nur die Krimihandlung ist überflüssig.