“See you on Main Street.” Marketing made by Amazon

Schöne, ausgefinkelte Idee der Amazon-Strategen: Der Kunde scannt im stationären Handel den Barcode eines Produktes (Buch), bekommt über die kostenlose Price Check App augenblicklich den aktuellen Vergleichspreis im Onlinehandel, die Bestellfunktion wird aktiviert und der Kunde erhält eine Prämie von 5 $, wenn er den Artikel statt im Laden zu kaufen, in dem er gerade steht, bei Amazon bestellt.
Am letzten Samstag in den USA als Aktion durchgeführt.

Oren Treicher, Chef der Vereinigung amerikanischer Buchhändler, hat Amazon-CEO Jeff Bezos in einem offenen Brief eine erste Einschätzung dieser Aktion gegeben.

Der stationäre Buchhandel darf sich geehrt fühlen, von Amazon als Showroom genutzt zu werden – samt qualifiziertem Personal, Beratung, Kauferlebnis und haptischem Erleben der Ware Buch.

Interessanter ist gleichwohl der Gedanke, den Treicher in der öffentlichen Diskussion in den Ring wirft: Selbst Amazon-Kunden schicken ihre Kinder auf Schulen, auch bei Amazon-Kunden kann mal das Haus brennen und selbst Amazon-Kunden rufen die Polizei, wenn ihre Karre geklaut wird.

Der stationäre Handel zahlt Gewerbesteuer, eine lästige Hürde, die der Internethändler auf dem Weg zur Renditesteigerung längst beiseite geräumt hat – trotz gegenteiliger Beteuerungen der PR-Abteilung.
Es ist eine infame Marketingstrategie.
Und fünf Dollar scheinen zu reichen, damit Menschen sich wie Schafe aufführen.

Heute ist es soweit: Ich rede dem Kiezhandel das Wort, der deutschen Fußgängerzone und der Provinzmentalität. Am Ende des Tages (mein Management-Lieblingswort) gibt es keine verdammte Alternative. Weihnachten wird nicht unterm Baum entschieden, sondern auf der Straße.

Raus mit Euch, Ihr Konsumenten. Es reicht nicht mehr, das Biomüsli im Schrank zu haben und den Laptop auf dem Küchentisch.
Runter auf die Gass mit Euch, Ihr Käufer, sonst brennt eines Tages der Christbaum und keiner kommt zum Löschen.

Dass ja man viel Geld: Der internationale Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt

Die Shortlist für 35.000 Euro:

Alarcón, Daniel: Lost City Radio
Wagenbach 2008, (übersetzt von Friederike Meltendorf)
Doulatabadi, Mahmud: Der Colonel
Unionsverlag 2009 , (übersetzt von Bahman Nirumand)
Hage, Rawi: Als ob es kein Morgen gäbe
DuMont Verlag 2009 , (übersetzt von Gregor Hens)
Hemon, Aleksandar: Lazarus
Knaus Verlag 2009 , (übersetzt von Rudolf Hermstein)
Kohan, Martín: Zweimal Juni
Suhrkamp Verlag 2009 , (übersetzt von Peter Kultzen)
Mengestu, Dinaw: Zum Wiedersehen der Sterne
Claassen Verlag 2009, (übersetzt von Volker Oldenburg)

Rawi Hage zum Beispiel hat ein wunderbares Buch geschrieben – für das er bereits 2008 den IMPAC-Award – den mit 100.000 Euro höchst dotierten Literaturpreis der Welt – bekommen hat.
Aleksander Hemon: großes Buch  – mehrfach ausgezeichneter, in viele, viele Sprachen übersetzter Autor.
Dinaw Mengestu: überhaupt kein schlechter Roman, ganz im Gegenteil. Ein amerikanisches Debut, das sowohl in den USA wie in England und Frankreich schon abgefeiert und mit Preisen bedacht worden ist.

choirVier von sechs Romanen auf der Liste sind aus dem amerikanischen Englisch übersetzt – der etablierte amerikanische Lizenzmarkt für Literatur-
übersetzungen (und da bewegen sich alle vier Autoren mit ihren Agenten und Scouts) bietet so viel Raum für mutige verlegerische Entdeckertaten wie ein Freibad für Tiefseetaucher.
Nun ja, es geht bei dem Preis ja schließlich auch um das “vielsprachige und vielgestaltige Spektrum aktueller Erzählstimmen”, um nichts sonst.

Sommerlektüre

Wie viele Menschen in der Buchbranche gehöre ich zu den Suchtlesern. Ich lese Werbeaufschriften auf vorbei fahrenden Lastern, die Vorder- und Rückseite von Pflanzetiketten und die Briefe an die Herausgeber in der FAZ. CarlalesendDie Vorstellung, vier Busstationen ohne Lektüre verbringen zu müssen, macht mich nervös, und ich würde tatsächlich nie das Haus ohne ein Taschenbuch verlassen, wenn ich umsteigen muss. Eine Zugreise trete ich mit mindestens zwei Büchern und verschiedenen Zeitungen an, nur für den Fall, dass eine Lektüre im Vorfeld falsch gewählt war oder sich während der Lektüre als falsch herausstellt. Süchte gehören nun nicht zu den gesellschaftlich erwünschten Erscheinungen und werden deshalb anonym kuriert.
Aber die Zeiten der Scham sind vorbei, wie ich in einem französischen Blog las, der wiederum einen amerikanischen kommentierte und mich überhaupt erst auf das Thema Lesesucht brachte, denn ich  lese auch dauernd Texte im Internet. Die amerikanischen Lobbyverbände Booksellers Association and Publishers Association haben sich auf eine neuen Typus verständigt: den bekennenden bookaholic, der nun mit aparten Slogans ausgestattet wird und die Sucht salonfähig machen soll.

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Sommerlektüre

Wie viele Menschen in der Buchbranche gehöre ich zu den Suchtlesern. Ich lese Werbeaufschriften auf vorbei fahrenden Lastern, die Vorder- und Rückseite von Pflanzetiketten und die Briefe an die Herausgeber in der FAZ. CarlalesendDie Vorstellung, vier Busstationen ohne Lektüre verbringen zu müssen, macht mich nervös, und ich würde tatsächlich nie das Haus ohne ein Taschenbuch verlassen, wenn ich umsteigen muss. Eine Zugreise trete ich mit mindestens zwei Büchern und verschiedenen Zeitungen an, nur für den Fall, dass eine Lektüre im Vorfeld falsch gewählt war oder sich während der Lektüre als falsch herausstellt. Süchte gehören nun nicht zu den gesellschaftlich erwünschten Erscheinungen und werden deshalb anonym kuriert.
Aber die Zeiten der Scham sind vorbei, wie ich in einem französischen Blog las, der wiederum einen amerikanischen kommentierte und mich überhaupt erst auf das Thema Lesesucht brachte, denn ich  lese auch dauernd Texte im Internet. Die amerikanischen Lobbyverbände Booksellers Association and Publishers Association haben sich auf eine neuen Typus verständigt: den bekennenden bookaholic, der nun mit aparten Slogans ausgestattet wird und die Sucht salonfähig machen soll.

Im Internet habe ich neulich auch gelernt, dass es zu den avancierten Web 2.0-Unternehmensstrategien gehört, Themen in Content, White Papers, Blogs, Threads, Communities, Twitter und Facebook zu positionieren, ohne dass der “Einsatz auf den Abverkauf einzahlt”. Seitdem weiß ich, dass man aufs Impressum schauen muss, bevor man längere Strecken zu lesen beginnt. Ich suchte beispielsweise nach Informationen zu einer Krankheit (nichts Schlimmes). Ich gebe also das Stichwort im Suchmaschinenfenster ein, erhalte Ergebnisse und klicke auf eine Adresse, die vernünftig klingt. Und glaube mich gut bedient. Eine übersichtlich aufgebaute, aufwendige  Seite, viel Text, Information und Links. Erst als ich zwanghaft alles gelesen habe, sehe ich, dass die Seite von einer großen deutschen Pharmafirma betrieben wird – keine Werbung, kein Link, kein Medikamentenname. Das Ziel besteht lediglich darin, das Thema zu beatmen und in den Suchanfragen nach vorne zu bringen.

Die Fischer Verlage machen ja jetzt auch mit bei der Kundenbindung. Twittern 140 Zeichen-Sätze aus ihren Büchern. Und die Branchenblätter kommentieren, besprechen und beurteilen. Kein Feuilleton, das nicht täglich über die new social media schreibt.
Die Nutzerzahlen erzählen von einer anderen Realität. Nach einer Harvard-Studie aus diesem Jahr generieren 10% der Twitterer 90% des Contents. 50% der Benutzer aktualisieren ihre Seite nur alle 74 (!)Tage, die andere Hälfte nach der Anmeldung nie wieder.
Man mag auf den Gedanken kommen, dass der “white noise” (so nennt ein englischer Kulturkritiker diesen endlosen Sums über die falschen Themen), der von braven Buchblättern mangels eigener Inhalte produziert wird, eine recht klug lancierte Web.2.0-Twitter-Unternehmensstrategie zur Markenbildung ist. Kostenfrei.

Aber für Zynismus sind die Zeiten schlecht im Buchgeschäft, wie man lesen kann. Der Marketing Consultant Damien Horner, der die Bookaholics-Kampagne erfunden hat, ruft seinen Kritikern unter den Verlegern zu:
“At this point all I would ask is that people suspend their cynicism and allow the next stage of the development process to happen.”
Wenn Sie jetzt immer noch lesen, gehören Sie zur Gruppe derer,  die aus diesem development process beiseite treten möchten, Ihnen sei für die Sommerfrische eines der schönsten Reiseabenteuerbücher der Literatur empfohlen: “Die Argonauten auf der Kosmobahn”, das mir vor vielen Jahren ein bekennender Bookaholic ans Herz legte.
Julio Cortázar und seine Frau Carol Dunlo reisten 1982 im VW-Bus von Paris nach Marseille. Die Forschungsreise unterlag einer einfachen Regel: Sie durften die Autobahn nicht verlassen und mussten auf allen 65 Parkplätzen der Autobahn Halt machen, und auf jedem zweiten, egal wie hässlich, übernachten, “Buchtenschippern in diesem Archipel der Parkplätze”. Das Logbuch dieser Reise erschließt eine fremde Welt in der bekannten, der Weg wird zum  Ziel, und die Erkundung ist – wie bei allen großen Expeditionen – auch Selbsterkundung.
Das Buch ist bei Suhrkamp erschienen und nicht mehr lieferbar. Vielleicht eröffne ich für die Dauer der Sommerferien ein Twittergeschäft (sagt man so?) und funke das Buch in Abschnitten von 140 Zeichen an die Welt der Leser. Kostenfrei.

Medienbruch

“Als er am späten Nachmittag sah, wie ein Mitarbeiter aus dem Vertrieb eine E-mail des Vertriebsleiters ausdruckte und per Fax an den Kunden weiterschickte, lief das Faß bei ihm über. Eigentlich hätte er gerne gebrüllt, aber er fühlte sich plötzlich ganz schwach.” Ein Zitat aus: “Treffen sich zwei” von Iris Hanika.
Medienbruch wird eine meiner Lieblingsfiguren der Betrachtung. Das ist hiermit beschlossen: anarchische Aneignung, Renitenz gegen geschlossene Systemanwendungen. Der literarische Lesanwendnutzzerstörer ist der Mensch der Zukunft. Synästhetischer Gewinn quer durch die Mittel.

Aus verschiedenen Gründen – und es sind nicht nur niedere Motive – schätze ich die Texte von Kathrin Passig und ihren Kollegen nicht so hoch wie es augenscheinlich alle Welt tut. Als ich dann die Ankündigung zum neuen Buch sah, überkam mich ein altmodischer Dégout. Nichts gegen Geld verdienen, aber diese schäbige Mimikry an den Markt beschämt den Zeitgenossen. Weil meine Neugierde aber stärker ist als mein Stolz, las ich stehend in der Buchhandlung weite Teil des Buches diagonal, und ich widerrufe. Der Text ist keineswegs so unangenehm arrogant, wie man es von einem Anti-Ratgeber-Anti-Ratgeber erwarten möchte. Fast milde und menschenfreundlich tritt das Autorengespann vor den Leser. Man muss das Buch keineswegs kaufen, aber es tut auch nicht Not, schlecht darüber zu sprechen. Guter Titel zum richtigen Zeitpunkt, gewieftes Marketing. So ist das Leben.

Nachzutragen von den Messetagen, während derer mir die Lust am Kommentieren dann irgendwie abging, zudem andere Menschen dies zahlreich und manche recht überzeugend taten (wie etwa Richard Charkin), bliebe:

der Auftritt von Ruth Klüger. Konzentriert, denkend, selbstbewusst,
die Pein, Wolfgang Herles zuzuhören, der auf dem blauen Sofa eine Autorin verbal bedrängt, sie solle doch jetzt für die Zuschauer einmal in einem bündigen Satz zusammenfassen …
das Vergnügen beim Umtrunk der unabhängigen Verlage
und immer wieder der Spaß, sich im Haifischbecken, im taktischen Hochleistungszentrum, genannt LitAg, zu tummeln. Nirgendwo sonst trifft hoch entwickelte Gesprächskultur auf nackten Konkurrenzdruck, Freundschaft auf Beißreflex. Ein unentwegter Poker am Lizenztisch.

Für zu leicht befunden

Am Freitag hat Sigrid Löffler im Deutschland Radio Kultur ein Interview gegeben: natürlich über Josef Winkler.  “Der Enzn-Sepp und seine Welt” ist der Titel von LITERATUREN in diesem Monat. Sie erzählte in ihrer animierten Art und Weise vom Besuch in den Bergen und wie aggressiv und unangenehm die Dörfler zu Winkler sind. Es geraten ihr ja auch immer kluge Einsichten: “Wer sich in der Literatur erkennt, der ist auch gemeint.”
Und dann,  der Hörer meint schon, es sei vorbei, erwähnt die Moderatorin, dass sie ja die Herausgeberschaft der Zeitschrift nun abgebe. Was ich nicht wusste und also aufhorche. Die Auflage sei von den anfänglichen 80.000 auf 10.000 heruntergegangen, das könne man ja nicht so einfach vom Tisch fegen, fügt die Radiofrau munter an. Ob sie als Herausgeberin womöglich etwas anders hätte machen können.

Von 80 auf 10.000! – Bei allem Respekt, das kann man kaum als Markterfolg bezeichnen.
Frau Löffler bleibt vollkommen locker. Die Redaktion eines solchen Heftes müsse höchsten Ansprüchen genügen und die redaktionellen Qualitäten seien von Anfang an hervorragend gewesen. Bei einem Magazin dieser Art müsse es darüber hinaus einen exzellenten Vertrieb und ein sehr gutes Marketing geben, damit es sich am Markt behaupten könne. Davon abgesehen: Der Ladenpreis sei zu hoch.

Ich meine, zum Teufel, welcher Lektor, welcher Programmmacher traut sich denn, wenn ein (ein!) Titel gegen die Wand fährt, zu sagen: Der Vertrieb war schuld. Das Titel ist hervorragend, aber das Marketing hat leider komplett versagt.
Ob sie denn recht hat mit ihrer Einschätzung, die selbstbewusste Frau Löffler, das sei dahingestellt. Aber sie sitzt vor dem Mikrofon und lässt entspannt die Vertriebsmannschaft ins Aus laufen. Ich würde ihr nicht unbedingt die Fairnessmedaille verleihen, aber die Tendenz, dass das Lektorat oder die Redaktionen sich klein wie getretene Pinscher machen und auf Vertretersitzungen sich winden, wenn sie einen literarischen Titel präsentieren oder in voller Runde abgewatscht werden, wenn ein Titel nicht läuft, die gehörte gewiss einmal pariert.
Random House hat die kompletten Kataloge für das Frühjahr 2009 verschickt. Und das, bevor die Herbsttitel ausgeliefert sind.