Literatur der echten Wirklichkeit

Steht man bei Thalia vorne bei den großen, bunt beladenen Historientischen, da wo einem die kalte Luft vom Eingang her unangenehm um die Beine weht und die abendländische Portraitmalerei gnadenlos beschnitten und gephotoshoppt mit dem Gesicht nach oben liegt, geht es ja heuer bei den Titeln zu wie in der Berufsberatung am Girl’s Day: Schreiberin, Gegenpäpstin, Detektivin, Heilerin, Glasmalerin, Hebamme, Wanderhure, Kastellanin, Molekularbiologin (nein, das war ein Scherz).
Zwischen all dem romantisierenden, pseudoemanzipatorischen Groschengesums liegt in der neue Roman von Ruth Berger: schlicht “Gretchen” betitelt, was bekannterweise kein Beruf, sondern ein Schicksal ist, und weil die Geschichte in Frankfurt im Jahr 1771  sich abspielt, verrate ich kein Geheimnis, wenn ich sage, dass es um das wahre Mädchen hinter dem Goethe’schen Gretchen geht. Die Dienstmagd Susanna Brandt nämlich, die in ihrer Not ihr neugeborenes Kind umbringt und die wenig später in einem spektakulären Prozess zum Tod durch Enthauptung am Rossmarkt verurteilt wird. Unter den Zuschauern am Morgen der Hinrichtung: der junge Goethe.ffm-hauptwacherossmarktzeil1
Die Familie Goethe spielt selbstredend mit, die namhaften Honoratioren der Stadt tauchen auf,  und die Orte, die Namen, die Ereignisse, das Vokabular, wahrscheinlich sogar das Wetter und jedes andere Fitzelchen sind aufs Genaueste recherchiert. Die Autorin wechselt zwischen Imperfekt und dem präsentischen Erzählen, um möglichst hohe Authentizitätseffekte zu erzielen – mit anderen Worten, es könnte ein öder, faktenhuberischer Durchschnittshistorienkrimi sein. Ist er aber nicht.
Ich schätze Ruth Bergers Schreiben seit ihrem ersten Roman. Sie bezaubert mit stilistischer Leichtigkeit, mit echter Passion und der Genauigkeit der Historikerin. Ihre Dialoge werden mit der Zeit deutlich stärker, ihre Kenntnisse der konkreten Lebensumstände der Zeit sind stupend, ohne dass sie sie aufdringlich serviert. Obendrein hat sie einen trockenen Frankfurter Humor und eine funkelnde Ironie, und  sie schaut nicht weg, wenn es eklig wird oder beängstigend. Die Idee ist gewiss nicht neu, fiktive Figuren ins vermeintlich richtige Leben zurückzuverfolgen. Aber wie sie die sozialen, emotionalen, gesellschaftlichen und moralischen Momente inszeniert, die alle unweigerlich und unausweichlich auf dieses schreckliche Ende zuführen, an dem keiner Schuld gehabt haben will, das ist schon mit dramaturgischer Kraft und einem gewissen aufklärerischen Gestus gemacht.
Ja, Frankfurt sollte man schon mögen oder zumindest eine gewisse Bereitschaft aufbringen, sich mit dem Schauplatz anzufreunden. Aber ab dann winkt das überraschende Vergnügen, von einer Könnerin des Genres eine gute Geschichte erzählt zu bekommen.

Ruth Berger: Gretchen, Historischer Roman, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Dezember 2008
ISBN 978-3-499-24544-2, Euro 8,95

Buchmesse: Vorglühen

Morgen wird nach Frankfurt gefahren.
Inzwischen ist das Schreiben über die Messe ja genauso geachtet und gewünscht wie früher nur das Schreiben für die Messe – also die termingerechte Abgabe des Manuskriptes oder zumindest des Exposés, das dann unter das Bietervolk geworfen werden konnte. Die FAZ lädt inzwischen sogar Bloggerinnen zur Liveberichterstattung ein und lässt einen anderen Blogger im Feuilleton der Samstagsausgabe über die Einladung berichten. Ja, warum nicht. Tolle Idee, da ist Medienkompetenz in der Redaktion.

Seit 1993 kaufe ich mir jedes Jahr zur Buchmesse ein neues Kostüm. Nun habe ich mich heute Morgen gefragt, wo eigentlich die ganzen Buchkostüme hingekommen sind, im Schrank hängen nur sieben – und es sind nicht die aus den letzten sieben Jahren.
Bevor ich losfahre, werde ich neben jedes Buchmessenkostüm die Umschläge der Bücher legen, die in dem jeweiligen Jahr Furore gemacht haben. Vielleicht lässt sich daran ja die Geschichte der Verpackungsmode rekonstruieren.
Dann fahre ich los und berichte selbstverständlich. Nur nicht auf faz.net.
Lese einen wunderbar klugen Roman, der schon im September erschienen ist: “Der Schatten der Tiere” von Mathias Gatza. Und wo ich gerade das Foto vom Frankfurter Dom sehe: Peter Stamms Neufassung von “Heidi” (Nagel & Kimche) ist sehr zu empfehlen.

Jan Seghers: Partitur des Todes

Altenburg schreibt in seinem Tagebuch mit Toten (das ich irgendwie sehr gern lese) den Tod von Heinz Barth am 6. August auf, einem “der Schlächter von Oradour-sur-Glane” – notiert dessen Tod im hochbetagten Alter und vor allem den Umstand, dass er als freier Mann gestorben ist. Bei diesen Notaten der Sterbefälle und Todestage denke ich an die “Jahrestage”. Gefundene Mitteilungen, Assoziationen, die Löcher in die Gegenwart reißen und Vergangenheit ins Bild nehmen. Heute ist dazu noch der 21. August. Und in der FAZ das Bild eines russischen Panzers in Prag. Gesine Cresspahl hätte die Meldung über das Ableben von Heinz Barth auch gefunden. Vielen Dank dafür, Herr Altenburg.

Schreiben will ich aber eigentlich über den Krimi “Die Partitur des Todes”. Ist im Januar erschienen, und ich glaube, durchweg alle haben ihn gelobt. Was soll ich sagen, ich finde das Buch auch prima. Ausgesprochen gelungen gewissermaßen.
Zum einen nährt es genüsslich, voller Kenntnis und ausgiebig mein Liebe zu Frankfurt. Zum anderen ist dieser Marthaler im Unterschied zu sehr vielen am Reißbrett entworfenen Kollegas kein Abziehbild des abgeklärten, übersättigten, liebesmüden Kommissars (wobei er dies alles auch ist, wenn ich das recht bedenke. Was nur der Beweis dafür wäre, dass Klischees auch wieder zu Eigenschaften verflüssigt werden können. ), sondern eine interessante, zudem natürlich sympathische Figur, die im Verlauf des Romans an Komplexität gewinnt (der Autor unterhält ein Verhältnis zu seiner Figur). Die Nähe zu Wallander liegt auf der Hand, sagen die Rezensenten und loben den Autor dafür. Das will ich nicht entscheiden. Wallander war ausgehöhlt vom zu häufigen Gebrauch.
Hinzu kommt, dass der Plot schön kompliziert erfunden ist. Sich also langsam erst verschlingt, entwirrt, verknotet, übereinander lagert, Tempo bekommt, Nebenwege beschreitet.
Begeisterung, obwohl ich keine Kriminalromane mehr lesen wollte. Und schon gar nicht mögen.

Jan Seghers: Partitur des Todes. Wunderlich, Januar 2008, 978-380520839-0