Medienbruch

“Als er am späten Nachmittag sah, wie ein Mitarbeiter aus dem Vertrieb eine E-mail des Vertriebsleiters ausdruckte und per Fax an den Kunden weiterschickte, lief das Faß bei ihm über. Eigentlich hätte er gerne gebrüllt, aber er fühlte sich plötzlich ganz schwach.” Ein Zitat aus: “Treffen sich zwei” von Iris Hanika.
Medienbruch wird eine meiner Lieblingsfiguren der Betrachtung. Das ist hiermit beschlossen: anarchische Aneignung, Renitenz gegen geschlossene Systemanwendungen. Der literarische Lesanwendnutzzerstörer ist der Mensch der Zukunft. Synästhetischer Gewinn quer durch die Mittel.

Aus verschiedenen Gründen – und es sind nicht nur niedere Motive – schätze ich die Texte von Kathrin Passig und ihren Kollegen nicht so hoch wie es augenscheinlich alle Welt tut. Als ich dann die Ankündigung zum neuen Buch sah, überkam mich ein altmodischer Dégout. Nichts gegen Geld verdienen, aber diese schäbige Mimikry an den Markt beschämt den Zeitgenossen. Weil meine Neugierde aber stärker ist als mein Stolz, las ich stehend in der Buchhandlung weite Teil des Buches diagonal, und ich widerrufe. Der Text ist keineswegs so unangenehm arrogant, wie man es von einem Anti-Ratgeber-Anti-Ratgeber erwarten möchte. Fast milde und menschenfreundlich tritt das Autorengespann vor den Leser. Man muss das Buch keineswegs kaufen, aber es tut auch nicht Not, schlecht darüber zu sprechen. Guter Titel zum richtigen Zeitpunkt, gewieftes Marketing. So ist das Leben.

Nachzutragen von den Messetagen, während derer mir die Lust am Kommentieren dann irgendwie abging, zudem andere Menschen dies zahlreich und manche recht überzeugend taten (wie etwa Richard Charkin), bliebe:

der Auftritt von Ruth Klüger. Konzentriert, denkend, selbstbewusst,
die Pein, Wolfgang Herles zuzuhören, der auf dem blauen Sofa eine Autorin verbal bedrängt, sie solle doch jetzt für die Zuschauer einmal in einem bündigen Satz zusammenfassen …
das Vergnügen beim Umtrunk der unabhängigen Verlage
und immer wieder der Spaß, sich im Haifischbecken, im taktischen Hochleistungszentrum, genannt LitAg, zu tummeln. Nirgendwo sonst trifft hoch entwickelte Gesprächskultur auf nackten Konkurrenzdruck, Freundschaft auf Beißreflex. Ein unentwegter Poker am Lizenztisch.

Dresdner Winzermütze

ist also die korrekte Bezeichnung für den Panzerwaschlappen. Zunächst dachte ich, ich sei wahrscheinlich das einzige nichtswissende Subjekt, das die Mütze für ein NVA-Relikt hält. Da ich mir aber gar nicht erklären konnte, warum ein Schriftsteller zur Preisverleihung seine Militärmemorabilia auf dem Kopf trägt, verhielt ich mich still in dieser Frage.
In Wahrheit gibt auf der Messe aber viele ausländische Kollegen, die genau diese Frage umtreibt und die, bevor sie irgendetwas über den Roman hören wollen, gern ihre Einschätzung zu dieser deutschen Manier kundtun.
Man kann hier ohnehin viel lernen. Zwei Lektorinnen über der Frage, wie viel ihnen ein Exposé wert sein könnte: “Das kann man nicht googlen, das muss man mit dem Bauch entscheiden.” Ich frage mich: Hat die Suchmaschinenergebnisliste die Vernunft abgelöst oder ersetzt die Informationsrelevanz nur das stärkere Argument?

Die miserabelste Buchpräsentation: Droemer Knaur. Die Taschenbücher sitzen auf sechs Meter hohen, orangefarbenen und von hinten angeleuchteten Plastikpaneelen wie Nutten im Videoregal.
Wie immer geschmackssicher und spannend: Dino Simonett aus Zürich. Keiner macht neben Kunstbüchern so schöne Taschen.

Immer wieder erstaunlich und irgendwie deprimierend ist die unglaubliche Menge an völlig beknackten Ratgebertiteln. Über diese Bücher schreibt kein Feuilleton, über diese Titel spricht kein Mensch. Aber alle verdienen Geld damit. Verordnungen zum richtigen Leben, und es gibt bald tatsächlich keinen Bereich des Körpers, der Wohnung, des Tages, des Tuns und des Seins mehr, der nicht von einem Produktmanager bei GU mit einer Reihe gecovert wäre.

Ein verhaltener Auftakt, bienenfleißig das Fußvolk.
Sehr guten Champagner getrunken. Den ganzen Tag kein Wort über die Finanzkrise.

Buchmesse: Vorglühen

Morgen wird nach Frankfurt gefahren.
Inzwischen ist das Schreiben über die Messe ja genauso geachtet und gewünscht wie früher nur das Schreiben für die Messe – also die termingerechte Abgabe des Manuskriptes oder zumindest des Exposés, das dann unter das Bietervolk geworfen werden konnte. Die FAZ lädt inzwischen sogar Bloggerinnen zur Liveberichterstattung ein und lässt einen anderen Blogger im Feuilleton der Samstagsausgabe über die Einladung berichten. Ja, warum nicht. Tolle Idee, da ist Medienkompetenz in der Redaktion.

Seit 1993 kaufe ich mir jedes Jahr zur Buchmesse ein neues Kostüm. Nun habe ich mich heute Morgen gefragt, wo eigentlich die ganzen Buchkostüme hingekommen sind, im Schrank hängen nur sieben – und es sind nicht die aus den letzten sieben Jahren.
Bevor ich losfahre, werde ich neben jedes Buchmessenkostüm die Umschläge der Bücher legen, die in dem jeweiligen Jahr Furore gemacht haben. Vielleicht lässt sich daran ja die Geschichte der Verpackungsmode rekonstruieren.
Dann fahre ich los und berichte selbstverständlich. Nur nicht auf faz.net.
Lese einen wunderbar klugen Roman, der schon im September erschienen ist: “Der Schatten der Tiere” von Mathias Gatza. Und wo ich gerade das Foto vom Frankfurter Dom sehe: Peter Stamms Neufassung von “Heidi” (Nagel & Kimche) ist sehr zu empfehlen.