Minga laba

Wenn es damals doch solche Hefte zur politischen Bildung gegeben hätte.
So musste ich auf die “Aufzeichnungen aus Birma” warten, um zu erfahren, welche Alltagshürden man überwinden muss, um in diesem Land sein Leben einzurichten, wie es regiert wird, wie die Straßen dort aussehen, was die Leute unter der Woche so machen, wie die medizinische Versorgung ausschaut, wie heiß heiß sein kann. Und wo genau es liegt, wusste ich übrigens auch nicht.

deslisleGuy Deslisle legt sein drittes Buch aus den terris incognitis der politischen Landkarte unserer Gegenwart vor: gemalte Romane aus der Lebenswirklichkeit abgeschotteter Diktaturen. In “Shenzhen” und “Pjöngjang” (wir berichteten) war er als Profi der internationalen Comicindustrie unterwegs und erzählte ausführlich von den Arbeitswelten dieser malträtierten Länder. Dieses Mal ist seine Perspektive noch ungleich subversiver. Er ist mitreisender Ehemann,  seine Frau arbeitet für Médicins sans Frontières in Birma. Und er ist der Papa von Louis. Deslisle erlebt den Aufenthalt in Rangun als Vater eines Kleinkindes – Windeln wechseln, Wohnug finden, Essen kaufen, Kindergartenplatz und Spielgruppe finden, Abendspaziergänge und  die Gespräche mit den anderen mitreisenden Ehegatten. Das könnte unendlich langweilig sein, doch Deslisles Blick – genau, reflexiv, begabt mit Witz und Selbstironie – und seine episodenhafte Erzählweise, die im besten Sinne politisiert und kenntnisreich ist und dabei immer verspielt-poetisch bleibt, machen aus diesen Aufzeichnungen ein großes Buch voller kleiner Momente. Als Leser kennt man nach der Lektüre nicht die touristischen Sehenwürdigkeiten von Rangun, aber doch die Supermärkte, ein, zwei Straßenzüge, Nachbarn und NGOs aller Couleur, ein paar Büros, Militärs, Krankenhäuser und einige nette Partys.

Der Anti-Held mit dem flachen Hinterkopf ist der neue, sympathische Typus des brillanten Enthnologen, des Abenteurers nach dem Ende aller Abenteuer. Deslisle hat keine Mission zu bestehen, er übt die anteilnehmende Beobachtung aus in einem Land, das beinahe surreal in seiner diktatorischen Inszenierung anmutet. Seine Schwarzweiß-Zeichnungen haben oft einen skizzenhaften Charakter, doch wenn er die Aufmerksamkeit auf Details lenken will, sind die Bilder genau und sprechend zuweilen in ihren Auslassungen. “Lässig” möchte man am liebsten sagen, echt lässig und schlau. Hervorzuheben ist die gute Übersetzungsleistung von Kai Wilksen.
Eine Leseprobe gibt es auf der Reprodukt-Seite.

Guy Deslisle: Aufzeichnungen aus Birma. Reprodukt: Berlin Mai 2009. Aus dem Französischen von Kai Wilksen, Handlettering von Céline Merrien, 272 Seiten, 20 Euro. ISBN 978-3-941099-01-2