Category Archives: Stadtalltag

Nachrichten aus Beirut

Bevor wir Nackenschmerzen vom Amerikagucken bekommen:
Witz, politische Bissigkeit und süffisanter Strich am Morgen.
Enjoy graphic novels, comics, gossip und musik on the Blog of Mazen Kerbaj.

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Blutspuren am Literaturnobelpreistag

Jean-Marie Le Clézio.
Ich wünschte, mein Gedächtnis wäre besser oder meine Urteilskraft. Ich habe (vor wirklich langer Zeit) zwei Titel im Original von Le Clézio gelesen, der eine war “La quarantaine” und der andere etwas mit Mondo – Erzählungen auf jeden Fall. Schwierig zu lesen, das weiß ich noch, ausgewiesen literarisch, lexikalisch ausgefinkelt. Originelles oder Substantielles zum Nobelpreisträger und seinen Romanen sollen andere sagen.
Hingewiesen sei auf den sehr schönen, ein wenig ehrfürchtigen Text von Assouline.

Aber ein guter Tag, nochmals zu unterstreichen, dass es nur Eine gibt, auf die ich seit fünfzehn Jahren jeden Oktober mein ganzes Geld setze und die den Preis ohne jeden Zweifel endlich verdient hätte:
Inger Christensen.

Gestern in der Nacht Blutspuren gelesen. Gemalter Roman aus Israel, das Langform-Debut einer längst etablierten und renommierten Zeichnerin: Rutu Modan. Exit Wounds lautet der Titel in der englischen Orginalausgabe (in Israel ist er noch nicht erschienen).
Eine Frau und ein Mann suchen nach einem Verschwundenen: ihr deutlich älterer Geliebter, sein Vater. Eigentlich müsste er unter den Opfern eines Bombenanschlags auf einen Busbahnhof sein, doch seine Leiche fehlt, es gibt nicht die geringste Spur mehr von diesem Mann. Hinter jedem Vorhang, den die beiden ungleichen Detektive lüften, zeigt sich ein neuer Schleier, der die wahre Identität des  Gesuchten noch mysteriöser macht.

Blutspuren ist zwiespältig aufgenommen worden; nicht nur der angeblich typisch israelischen Einseitigkeit wegen, sondern auch aufgrund der spröden Grafik. Doch dahinter verbirgt sich eine glänzend erzählte Geschichte, die mit allen Wassern der Psychologie und Soziologie gewaschen ist”. Schreibt Andreas Platthaus in der F.A.Z.
Was heißt denn “dahinter verbirgt sich”? Hinter dem Buch als solchem oder hinter der Grafik? Rutus Modans Strich ist wunderschön klar, ihre Figuren sind beweglich, eigenwillig, gestisch ausdrucksstark. Einerseits zeichnet sie diese flächigen, typisierten Gesichter, die so fernab jeder psychologischen Tiefenschärfe scheinen, andererseits aber gewinnen diese Gestalten Finesse und Charakter durch ihre Körpersprachen.
Das Buch hat vier Kapitel (‘Die Vaterfigur’, ‘Meine Reise mit der Giraffe’, ‘Wellenreiten’ und ‘Die Auferstehung’), “Die Giraffe” ist Numi, die auffällig groß ist. Modan inszeniert die schwerfällige Unbeholfenheit dieses zu groß geratenen Frauenkörpers feinfühlig und komisch auf eine zarte Weise.
Und die Farben: Modan fächert Farbpaletten auf, die Ofness und Aboutness ineins setzen. Schwarz-Grau-Blau-Taubenblau-Ollivgrün-Hellblau-Dunkelbraun: eine intime Gesprächsszene. Er springt wütend auf: Tabak-Rosé-Grau-Ocker-Orange-Petrol. Mit jedem Umblättern fällt man in ein anderes Bühnenbild, wo die handelnden Figuren auch gern einmal vor einem nur angedeuteten Dekor agieren. Das Nichtausgeführte, Skizzierte, die unscharfe Umgebung wirken aber permanent: Israel 2002: Terroranschläge, ständige Angst, die man nur aushält, wenn man sie verdrängt, kollektiv wie individuell.  Modan ist akribisch genau in dem Weltausschnitt, den sie gibt. Die Perspektiven, die Bildabfolgen generieren Bedeutung, sind Kommentar.
Der Vorwurf, sie beachte die palästinensische Seite nicht, kann nur auf den denjenigen zurückfallen, der diese Kritik äußert. Beknackt. Opfer-Täter, die Achse ist tausendfach zersprengt.
Meine Lieblingsseite: 110 (wie lustig, so Leute im Wasser zu malen!)
Die Übersetzung aus dem Hebräischen hat Barbara Linner besorgt. Wie auch in ihren literarischen Arbeiten: zuverlässig, versiert, genau.

Rutu Modan: BLUTSPUREN ISBN 978-3-03731-035-9
168 Seiten, Edition Moderne, Euro 28,- / sFr. 45,- (sehr teuer)

Wo ich schon einmal dabei bin: Halbe Wahrheiten

Ich erinnere mich nicht mehr, bei welchem Film Andreas Kilb damals öffentlich geweint hat im Feuilleton. War es nicht “Das Piano”? Diese hübsch-sentimentale Verfilmung dieses australischen oder neuseeländischen Frauentitels.

Ich habe jedenfalls laut gelacht bei “Halbe Wahrheiten”. Tomine versteht etwas von Selbstironie. Er schaut hin, wie die Menschen sich bewegen, hört, wie sie sprechen und weiß, was sie hätten sagen können (schöne Übersetzung: unangestrengt, treffsicher – Björn Laser und Paul Scholz). Habe einen äußerst unterhaltsamen halben Abend verbracht. Klare Linien (der Kenner sagt: in der Tradition der ligne claire), witzige Schnitte.
Meine Lieblingsseiten: 36/37
Meine Lieblingsfigur: der janpanophile New Yorker Intellektuelle. Wie man diese Typen hassen kann.
Und wo ich schon einmal dabei bin: Meine Lieblingsblase: “Na, dann hast du ja wohl ein kleines Problem damit, oder? Mit der Wahrheit?”

Adrian Tomine: Halbe Wahrheiten, Berlin: Reprodukt Juli 2008. 104 Seiten, schwarzweiß, 26 x 17 cm, Klappenbroschur ISBN 978-3-938511-39

Meine Sache

Ich hatte es eigentlich vor Jahren schon aufgegeben: Das Comiclesen. Als ganz junger und dann als junger Mensch gab es einige Anläufe, den Genuss nachzuvollziehen, den andere beim Lesen, Anschauen und Blättern der Bildgeschichten empfanden. Meine Auswahl blieb allerdings auf das Marktgängige und Übliche beschränkt. Und irgendwann habe ich eingesehen, dass das gleichzeitige Wahrnehmen von Bild und Sprache meine Sache nicht ist. Entweder ich schaute auf die Bilder, erkannte womöglich auch einen Strich oder eine Manier oder einen Stil in den Montagen und Perspektivwechseln. Aber dann blieb der Text außen vor, der meistens der eindeutig schwächere Part war. Oder aber ich las die Bläschen, bekümmert über die schlechten Übersetzungen oder einfach nur gelangweilt. Als dann die Mangas kamen, habe ich es wieder versucht. Großartig, manche Zeichner. Aber die Stories? Dafür kann man wissenschaftliches Verständnis aufbringen, ohnehin kann ich sehr tolerant sein, nur Selberlesen möchte man den Kram nicht. (Die Manga-Ausstellung vor fünf Jahren in Hamburg war brillant.)
Und jetzt endlich, zu einem Zeitpunkt, da die Graphic Novel längst hoffähig und marktgängig geworden ist (oh, der Prospekt von Carlsen!! – ein didaktisches Musterbeispiel zur Erschließung neuer Käuferschichten) und selbst die Brigitte darüber schreibt (welch erstaunlicher Zufall eigentlich, dass beides gleichzeitig erscheint), auf jeden Fall: Seit ein paar Monaten lese ich Graphic Novels und eine neue Welt tut sich auf.
Ich mag nicht entscheiden, ob ich mich verändert habe, die Welt als solche oder einfach nur die Comics besser – oder anders geworden sind. Die Geschichten, die erzählt werden, sind diejenigen der Literatur, die Sprache konzentriert, die ästhetischen Mittel genuin. Genial, die Möglichkeiten der Retardierung, der Pausen, Stille oder Sprünge. Ton- und Bildspur werden manchmal einzeln gefahren. Weibliche Perspektiven auf historische Situationen.
Ich werde mich schon wieder beruhigen, aber vorher noch eine ganze Menge davon lesen. Die ausgesprochen informative und gut gemachte Website, auf der man alle wichtigen Besprechungen nachlesen kann, heißt Graphic Novels (!).

Isabel Kreitz: Die Sache mit Sorge, Carlsen Verlag 2008

Jan Seghers: Partitur des Todes

Altenburg schreibt in seinem Tagebuch mit Toten (das ich irgendwie sehr gern lese) den Tod von Heinz Barth am 6. August auf, einem “der Schlächter von Oradour-sur-Glane” – notiert dessen Tod im hochbetagten Alter und vor allem den Umstand, dass er als freier Mann gestorben ist. Bei diesen Notaten der Sterbefälle und Todestage denke ich an die “Jahrestage”. Gefundene Mitteilungen, Assoziationen, die Löcher in die Gegenwart reißen und Vergangenheit ins Bild nehmen. Heute ist dazu noch der 21. August. Und in der FAZ das Bild eines russischen Panzers in Prag. Gesine Cresspahl hätte die Meldung über das Ableben von Heinz Barth auch gefunden. Vielen Dank dafür, Herr Altenburg.

Schreiben will ich aber eigentlich über den Krimi “Die Partitur des Todes”. Ist im Januar erschienen, und ich glaube, durchweg alle haben ihn gelobt. Was soll ich sagen, ich finde das Buch auch prima. Ausgesprochen gelungen gewissermaßen.
Zum einen nährt es genüsslich, voller Kenntnis und ausgiebig mein Liebe zu Frankfurt. Zum anderen ist dieser Marthaler im Unterschied zu sehr vielen am Reißbrett entworfenen Kollegas kein Abziehbild des abgeklärten, übersättigten, liebesmüden Kommissars (wobei er dies alles auch ist, wenn ich das recht bedenke. Was nur der Beweis dafür wäre, dass Klischees auch wieder zu Eigenschaften verflüssigt werden können. ), sondern eine interessante, zudem natürlich sympathische Figur, die im Verlauf des Romans an Komplexität gewinnt (der Autor unterhält ein Verhältnis zu seiner Figur). Die Nähe zu Wallander liegt auf der Hand, sagen die Rezensenten und loben den Autor dafür. Das will ich nicht entscheiden. Wallander war ausgehöhlt vom zu häufigen Gebrauch.
Hinzu kommt, dass der Plot schön kompliziert erfunden ist. Sich also langsam erst verschlingt, entwirrt, verknotet, übereinander lagert, Tempo bekommt, Nebenwege beschreitet.
Begeisterung, obwohl ich keine Kriminalromane mehr lesen wollte. Und schon gar nicht mögen.

Jan Seghers: Partitur des Todes. Wunderlich, Januar 2008, 978-380520839-0

Meer und Militär

In Hamburg wurde im Juni das Internationale Maritime Museum eröffnet.
Was die Stadt mit diesem Museum finanziert und die nächsten hundert Jahre subventioniert, wurde schon von verschiedenen Seiten kommentiert und kritisiert. Spannend ist die Gruppe feld für kunst, die mit ihrer Veranstaltungsreihe “Wo der Krieg wohnt” das Thema bearbeiten.
>Im Zuge von Imageaufwertung und Eventpolitik überlässt die Stadt Hamburg die Deutung und Darstellung von Krieg und Seefahrt einem privaten Militariasammler und unterstützt ihn dabei mit öffentlichen Geldern. feld für kunst nimmt dies zum Anlass, den Krieg, insbesondere den Krieg auf den Meeren, in seiner geschichtlichen und gesellschaftlichen Dimension auf künstlerische Weise zu beleuchten.<
Heute Abend gibt es einen Vortrag in der Hein Hoyer-Straße.

Erinnert mich wieder an die großartige Kulturgeschichte von Neal Ascherson: “Schwarzes Meer”.
Soll doch keiner so tun, als sei Meer bloß Natur.