“See you on Main Street.” Marketing made by Amazon

Schöne, ausgefinkelte Idee der Amazon-Strategen: Der Kunde scannt im stationären Handel den Barcode eines Produktes (Buch), bekommt über die kostenlose Price Check App augenblicklich den aktuellen Vergleichspreis im Onlinehandel, die Bestellfunktion wird aktiviert und der Kunde erhält eine Prämie von 5 $, wenn er den Artikel statt im Laden zu kaufen, in dem er gerade steht, bei Amazon bestellt.
Am letzten Samstag in den USA als Aktion durchgeführt.

Oren Treicher, Chef der Vereinigung amerikanischer Buchhändler, hat Amazon-CEO Jeff Bezos in einem offenen Brief eine erste Einschätzung dieser Aktion gegeben.

Der stationäre Buchhandel darf sich geehrt fühlen, von Amazon als Showroom genutzt zu werden – samt qualifiziertem Personal, Beratung, Kauferlebnis und haptischem Erleben der Ware Buch.

Interessanter ist gleichwohl der Gedanke, den Treicher in der öffentlichen Diskussion in den Ring wirft: Selbst Amazon-Kunden schicken ihre Kinder auf Schulen, auch bei Amazon-Kunden kann mal das Haus brennen und selbst Amazon-Kunden rufen die Polizei, wenn ihre Karre geklaut wird.

Der stationäre Handel zahlt Gewerbesteuer, eine lästige Hürde, die der Internethändler auf dem Weg zur Renditesteigerung längst beiseite geräumt hat – trotz gegenteiliger Beteuerungen der PR-Abteilung.
Es ist eine infame Marketingstrategie.
Und fünf Dollar scheinen zu reichen, damit Menschen sich wie Schafe aufführen.

Heute ist es soweit: Ich rede dem Kiezhandel das Wort, der deutschen Fußgängerzone und der Provinzmentalität. Am Ende des Tages (mein Management-Lieblingswort) gibt es keine verdammte Alternative. Weihnachten wird nicht unterm Baum entschieden, sondern auf der Straße.

Raus mit Euch, Ihr Konsumenten. Es reicht nicht mehr, das Biomüsli im Schrank zu haben und den Laptop auf dem Küchentisch.
Runter auf die Gass mit Euch, Ihr Käufer, sonst brennt eines Tages der Christbaum und keiner kommt zum Löschen.

Adventsdepression

Von den ersten 25 Plätzen der aktuellen belletristischen Hardcover-Bestsellerliste hat mein Kind sieben Bücher gelesen (und es liest, wie es sich gehört, Kinder- und Jugendbücher).
Da es sehr wohl eine eigens erstellte Bestsellerliste für Kinderbücher gibt – auf der sich Titel wie “Die kleine Raupe Nimmersatt” und das “Winter-Wimmelbuch” tummeln – schließe ich, dass der Titelzuordnung ein taktischer Pakt zwischen SortimenterInnen, der GfK und dem Focus zugrunde liegt, der einer einfachen Regel folgt: Der Teufel scheißt auf den größten Haufen. Promo-Maßnahmen bringen am meisten bei Spitzentiteln. Schließlich heißt Bestseller nichts anderes als am besten verkauft. Continue reading

So viele Zufälle: PR-Maschine Guttenberg

  • Giovanni di Lorenzo liefert im Herder Verlag ein Gespräch mit zu Guttenberg ab.
  • In der neuen ZEIT promotet di Lorenzo unter der Überschrift Interview sein Buch und macht die Räuberleiter für den Ex-Verteidigungsminister.
  • Die Staatsanwalt sieht von einer Strafverfolgung wegen Plagiatsvorwürfen ab, weil der wirtschaftliche Schaden nicht ausreichend hoch ausfällt (müssen die Märkte reagieren, bevor etwas Relevanz erhält?).
    Wobei festzuhalten bleibt, dass die Möglichkeit, Strafverfahren gegen Geldleistung einzustellen, in der deutschen Strafprozessordnung vorgesehen ist und eine übliche Praxis darstellt.
  • Zu Guttenberg sitzt auf dem Podium in Halifax und äußert sich zu politischen Fragen.

Ein PR-Gesamtkunstwerk, das öffentlich viel zu wenig gewürdigt wird.

Jemandem etwas schulden

Ich schulde meinem alten Verlag nichts.

Als hätte jemand die Vermutung angestellt, die Autorin Schenkel sei möglichen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem “alten” Verlag nicht nachgekommen.

Nach der ersten Bedeutung des Verbs  jemandem etwas schulden (“zur Begleichung von Schulden oder als Entgelt o. Ä. zahlen müssen”, sagt der Duden) äußert die Sprecherin eine Wahrheit.
Sie unterschlägt hingegen auf bezeichnende Weise die zweite Wortbedeutung (“aus sittlichen, gesellschaftlichen o. ä. Gründen jemandem ein bestimmtes Verhalten, Tun, eine bestimmte Haltung schuldig sein”).

An dieser Stelle sei auf das ausgesuchte und mit verlegerischem Mut, Spür- und Eigensinn aufgebaute Programm der Edition Nautilus hingewiesen. Schulenburg und Mittelstädt gehen Risiken ein, sind beharrlich, professionell und leidenschaftlich.

Für unter den Lichterbaum keinen Krimi, sondern einen Roman:
Zora Neale Hurston: Vor ihren Augen sahen sie Gott

Jemandem etwas schulden: Zum Verlagswechsel der Autorin Schenkel

Ich schulde meinem alten Verlag nichts.

Als hätte jemand die Vermutung angestellt, die Autorin Schenkel sei möglichen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem “alten” Verlag nicht nachgekommen.

Nach der ersten Bedeutung des Verbs  jemandem etwas schulden (“zur Begleichung von Schulden oder als Entgelt o. Ä. zahlen müssen”, sagt der Duden) äußert die Sprecherin eine Wahrheit.
Sie unterschlägt hingegen auf bezeichnende Weise die zweite Wortbedeutung (“aus sittlichen, gesellschaftlichen o. ä. Gründen jemandem ein bestimmtes Verhalten, Tun, eine bestimmte Haltung schuldig sein”).

An dieser Stelle sei auf das ausgesuchte und mit verlegerischem Mut, Spür- und Eigensinn aufgebaute Programm der Edition Nautilus hingewiesen. Schulenburg und Mittelstädt gehen Risiken ein, sind beharrlich, professionell und leidenschaftlich.

Für unter den Lichterbaum keinen Krimi, sondern einen Roman:
Zora Neale Hurston: Vor ihren Augen sahen sie Gott

Da geht einem ja der Fingerhut hoch

Schon jetzt eine meiner Lieblingsrückrufaktionen des laufenden Jahres:

fingerhutHoffmann und Campe verschickt Mails mit der inständigen Bitte, die als Werbung gedachten Postkarten, auf denen sich ein Kochrezept befindet, auf Kosten des Verlags zurückzuschicken und das Rezept nicht, ich wiederhole nicht, nachzukochen. Sind doch als Gewürz 3 Blätter des echt giftigen Fingerhut aufgeführt. Kein Irrtum, sondern anspielungsreiche Zutat zum Krimi.
Ein schönes Lehrstück über kontextsensitive Lesarten.

Nachtrag zum schlechten Ende von 2009: Kirkus Review wird eingestellt

Es betrübt mich noch immer:
Die Nielsen Busines Media Group in New York hat im Dezember lapidar  bekannt gegeben, dass die Zeitschrift Kirkus Review eingestellt wird.
Die Kirkus Review erschien seit 1933 alle 14 Tage und bespricht zwei bis drei Monate vor dem Erscheinungstermin einzelne Titel. Pro Jahr werden etwa 5000 Titel aus den Bereichen Belletristik, Sachbuch, Kinder- und Jugendliteratur rezensiert.
In der Selbstbeschreibung heißt es: >The reviews are reliable and authoritative, written by specialists selected for their knowledge and expertise in a particular field<. Das ist eine grandiose Untertreibung. Die Kunst, auf kürzestem Raum ein Buch inhaltlich vorzustellen, in den Markt einzuordnen, eine Einschätzung abzugeben, die Autorenentwicklung zu skizzieren und den Buzz auf dem Rechtemarkt kurz anzureißen, hat in dieser Zeitschrift ihren Höhepunkt gefunden. Es gibt kein vergleichbares Medium in der internationalen Verlagswelt. Sie bot Informationen und ertsaunlich verlässlilche Beurteilungen jenseits von PR-Blasen und frei von Kritikergeschmäckern.
Obendrein hat sich die Kirkus Review in den letzten Jahren als Plattform für literarische Entdeckungen etabliert, die in den marktgetriebenen Kanälen keinen Platz mehr finden. Die Zeichen der Zeit hat die Redaktion erkannt, als ihr Forum für Titel öffnete, die im Selbstverlag erschienen.
Ein Kulturverlust in der Geschäftswelt.

Des Schlechten zuviel

Eine nahezu echte Schlammschlacht also, die da in Frankfurt stattfindet.
Und der Buchmarkt, für jede Schandtat zu haben, liefert das nötige Hintergrundwissen, damit auch jeder Voyeur à jour ist.
Nichts gegen einen schön formulierten Seitenhieb, nichts gegen empfindliche Gemüter, Indiskretion, gegen wunderbare Männerfreundschaften oder unausweichliche Revierkämpfe, aber diese Geschichte verursacht doch eine gewisse Pein im Publikum. Eine Spur weniger persönlich fände ich persönlich attraktiver.

schlammschlacht