Der neue Brenner: Begeisterung Hilfskonstruktion

Tot ist er ja gewesen, der Simon Brenner nach dem sechsten Buch. Mausetot und im Himmel, sonst hätte der Verlag ja niemals eigens einen Schuber für sechs Bände gemacht. Sowas lohnt sich doch nur, wenn der Held endgültig hin ist, und der Handel den Süchtigen noch Stoff anbieten will.Wolf Haas (c) Hoffmann und Campe
Dass der Brenner einfach zu reden anfängt am Beginn, ist in dieser Hinsicht und jeder anderen auch eine Sensation für sich. Dass dann wieder was passieren würde, das denkst du dir dann schon, denn der Herr Simon, das ist keiner, bei dem es ruhig bleibt.

Nein, ich verfalle nicht der Versuchung zu versuchen zu schreiben, wie Haas schreibt, wenn Brenner und Haas sprechen und das Wortmaterial nur so wegfliegt. Das Problem ist ja nur, dass man gar nicht mehr rauskommt aus dieser destruierenden, Sinn entziehenden, komischen Weltwahrnehmungsweise. Die ganze Familie spricht nur noch in Ellipsen und Zitaten, sprich Wahnsinn. Kein Respekt mehr, nur tiefer Ernst da staunst du.
Der liebe Gott aus dem Titel, der im Roman selbst dann nur einmal auftaucht, macht ja nicht nur bei dem Brenner, der gerade in der Kloake ersäuft wird, einen guten Eindruck, der hat es letztlich auch gut mit uns gemeint, dass wir noch ein Buch mit dem Brenner Simon bekommen, wo der doch schon bei ihm war. Große Klappe hilft.  Seit der Brenner die Antidepressiva nimmt, so was von heiter und gelassen. Aber immer noch alle Polizeitechniken sprich gewieft.

Alles stimmt, was wahrscheinlich je geschrieben wurde: Sprengkraft des Idioms, konkrete Poesie, Sprachkritik und Klischeedurchdringung, Spracharbeit und Wortklang, Verdichtung und Wiederholung, Hybrid aus Sprachkunst und Populärkultur. Sprachmaterial und Denkfigur.
Obendrein ist dieser Krimi im österreichischen Sumpf aus Investoren, Politiker, Abtreibungsgegnern und Tirolerinnen auch noch ziemlich gut geplottet.
Nehmt alle Literaturpreise und schmeißt sie auf diesen glanzvollen, klugen, hinreißend komischen Roman drauf. Quasi Erpressung.

Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott, Kriminalroman, 223 Seiten, Hamburg: Hoffmann und Campe 2009. 19,80 Euro. ISBN 9783455401899

Sandsturm über Gaza

Omar Jussuf gerät nolens volens in seinen zweiten Fall.  Es genügt eine Reise von Bethlehem nach Gaza Stadt, und die Gewalt ist um ihn. Damit ist auch schon der Grundton dieses Krimis beschrieben: eine politische und menschliche Verzweiflung an den Mechaniken und Dispositionen der Gewalt im besetzten Gaza. Interessant ist diese Perspektive schon deshalb, weil man als Leser die Nahost-Diskussion meist in der Polarisierung zwischen rees2Israelis und Palästinensern wahrnimmt. In diesem Buch aber spielen die Israelis nur eine nachgeordnete Rolle: Die Konflikte, Machtkämpfe und politischen Morde ereignen sich in Gaza, zwischen den politischen Gruppierungen innerhalb der Fatah, ihrer Geheimdienste und der konkurrierenden Miliz-Brigaden. Der Geschichtslehrer Omar Jussuf reist mit einem UNO-Kollegen von der Westbank in den Gazastreifen, um eine Schulinspektion durchzuführen. Als es zum Mord an einem anderen Mitarbeiter kommt, zieht die UNO alle Kräfte aus dem Gebiet ab, und Omar Jussuf ist auf sich allein gestellt.

Um es gleich vorweg zu sagen: Die Krimihandlung lasse ich nicht aus Anstand gegenüber dem spannungsfreudigen Leser beiseite , sondern weil ich während der Lektüre mehrfach den Überblick verloren habe, wer gegen wen taktiert, wer mit wem paktiert und wer der gröbere und gewaltbereitere Palästinenser ist. Das mag auch mit der Ignoranz des Westlers zu tun haben, sich arabische Namen zu merken, aber es wird nicht dadurch besser, dass der eine von zwei Westlern ein Schwede ist und Wallender heißt, das Hirn mithin bei jeder Namensnennung trotz des kleinen “e” einen Sidestep nach Ystad macht. Die originelle Konstruktion der Krimihandlung gehört sicher auch nicht zu den Hauptanliegen des Journalisten Rees, der die literarische Form wählt, um von seinen Erfahrungen aus Nahost zu berichten. Einem Geschichtslehrer lassen sich nun auch in jedem Dialog sehr gut Exkurse über historische Fragestellungen anhängen. Die in der Tat kenntnisreich sind und die ebenso wie die genauen Beschreibungen des Alltags im Terror den Lesemotor am Laufen halten. Die Figur des moralisch integren und etwas sentimentalen Lehrers scheint mir aber letztlich auf merkwürdige Weise missglückt. Der Roman ist in seiner Schreibweise, in seinem Impetus und der Machart sehr amerikanisch. Der Detektiv trägt deutliche Spuren seiner klassischen Vorbilder, gleichzeitig treibt ihn, den “guten” Araber,  die Sehnsucht nach einer verlorenen intakten arabischen Kultur, eine Sehnsucht, die im Nachklang sehr schief als westliche Projektion erscheint.

Gegen den Krimi “Ein Grab in Gaza” lässt sich also einiges einwenden, die Erzählung aus  Gaza ist zu empfehlen. Als anspruchsvoller Kunde würde ich mir wünschen, einen ähnlich gelagerten Krimi von einem palästinensischen Autor zu lesen. Über den ersten Fall für Omar Jussuf (“Der Verräter Bethlehem”) haben wir berichtet. Ein beachtlicher Erfolg auf dem deutschen Buchmarkt. Die Übersetzung von Klaus Modick gibt auch dem zweiten Titel wieder einen sehr eigenen Übersetzungston, dicht am englischen Original, manchmal vielleicht literarisierender, als es der Text hergibt.

Matt Beynon Rees: Ein Grab in Gaza. Omar Jussufs zweiter Fall. München: C.H. Beck 2009, ISBN 978 3 406 582417

Überfällig: Das Lob des Buchhändlers Heiner K.

Letztes Jahr war es soweit: Ich wollte keine Krimis mehr lesen, keine Thriller, nichts, nie mehr.
Nach dieser heilsamen Genrekrise begegnen mir inzwischen wieder ein paar gute Titel – meist im Kriseninterventionszentrum Krimbuchhandlung Heiner K. in Hamburg. Der Therapeut arbeitet im Stehen in einem hellen Ladenlokal, läuft im Raum herum, zuppelt an ein paar Titeln, brummt ‘Nehmen Sie den mit,  der ist nicht ganz schlecht” oder “Den können Sie nicht mitnehmen, den habe ich selbst noch nicht gelesen”.
Heiner K. gibt mir auch mal ein Leseexemplar mit, das ich schnell wieder zurückbringen muss.
“Kleine Aster” war dabei, kannte er noch nicht, ein Erstling. Und was für ein hübsches Eingangszitat von Benn: “Trinke dich satt in deiner Vase!
Ruhe sanft,
kleine Aster!”
Auch der Prolog, in dem die Figur Erwin Czeska eingeführt wird, überzeugt durch menschliche Untiefe, herunter gekommenes Ambiente und widerwärtiges Verhalten. Danach findet man sich in einem Berliner Sam Spade-Revival wieder und wartet und wartet vergeblich auf das erlösende HAHAHA! War doch nur Pastiche, Mensch. Bis zur Seite 128 jedenfalls kommt keine Erlösung. Lange lässt kein einziges Klischee aus, und doch hat man das Gefühl: Wenn der Verlag nur drei, vier Titel lang durchhält, kann man als Leser wieder einsteigen.
In diesem Wohlgefühl großzügiger Arroganz klappt man das Taschenbüchlein zu und geht einen guten Krimi kaufen bei Heiner K. Er wird schon einen kennen.
Moritz Wulf Lange: Kleine Aster, Bloomsbury Berlin, 260 Seiten, ISBN-13: 9783827007933,

Donald bei Gericht

Dieser Christophe Berthier-Leibowitz von Hannelore Cayre ist das Abziehbild einer Comic-Kunstfigur. Seine Sprechblasen sind ständig mit Ausrufezeichen gefüllt, Blitze und Fäuste umtanzen seinen Kopf. Mit den Händen in den Taschen cayreund gesenktem Blick verlässt er die Kampfszenen, geschlagen vielleicht, aber nicht am Boden. Keine Sorge, ich komm wieder.
Und was ein selbstsüchtiger Flegel, grob, egozentrisch, empfindlich nur, wenn es um ihn selbst geht, ohne Moral noch Anstand. Sex hätte er gern mehr, doch seine Fettleibigkeit mindert den Erfolg bei den Frauen.  Er säuft und ist ordinär. Und ganz wichtig: natürlich gehört er nicht zur juristischen Elite des alten Frankreichs, nein, diese Kotzbrocken blicken nur verächtlich auf den Emporkömmling mit jüdischem Namen. Also schluckt er Staub, und das bedeutet im Justizwesen: Strafverteidiger für Nutten, Dealer, Schänder, Betrüger, Diebe, Hehler, Schmuggler, Waffenhändler, nichtsnutzige Ausländer ganz allgemein oder auch Brandstifter oder Erpresser. Er verachtet Autoritäten, doch seine manische Systemzersetzung erfolgt nach privatistischen Maßgaben. Seinem Hang zum Nichtstun frönend, unterhält ein Konto bei der Dresdner Private Banking in Zürich mit verdammt vielen Nullen hinten. Marie-France heißt die Steuerinspektorin, die ihn pfänden lässt (nicht das Nummernkonto). Sein Sprachgebrauch ist gekennzeichnet von Obszönitäten, Zynismen und halbwitzigen Sprüchen. Durch seine Geschichten schleppt er sich mal mühsam, mal voller guter Vorsätze, wieder einmal in die Handlung einzugreifen und den Lauf der Welt zum Besseren und seinem Vorteil zu wenden.
Cayre steckt ihm wie eine freundliche Kollegin in jedem Buch einen netten Plot in die Jackentasche, damit er nicht so allein durch den Text muss. Beim ersten Mal (Der Lumpenadvokat) war es eine haarsträubende Knast-Austausch-Nummer, dieses Mal eine hoch anständige Beutekunstaffaire, im dritten Buch der Leibowitz-Serie (Ground XO), das bislang nur in Frankreich erschienen ist, werden Rap und Cognac eine sehr große, urkomische Rolle spielen.
Habe ich erwähnt, dass er hinreißend ist, dieser nervige Typ? Dass man diese Bücher unbedingt lesen sollte, wenn man keine Krimis mehr lesen will? Das Lob gebührt dem Übersetzer Rudolf Schmitt, der ein Meisterstück daraus gemachct hat.

Das war wieder unsere Sendung: Bleiben Sie informiert: Informationen zur Literatur unserer Nachbarländer. Schalten Sie wieder zu, wenn es heißt: Bleiben Sie informiert.

Hannelore Cayre: Das Meisterstück. Ein Fall für Leibowitz. Kriminalroman, Unionsverlag 2008
ISBN 978-3-293-00390-3

Literatur der echten Wirklichkeit

Steht man bei Thalia vorne bei den großen, bunt beladenen Historientischen, da wo einem die kalte Luft vom Eingang her unangenehm um die Beine weht und die abendländische Portraitmalerei gnadenlos beschnitten und gephotoshoppt mit dem Gesicht nach oben liegt, geht es ja heuer bei den Titeln zu wie in der Berufsberatung am Girl’s Day: Schreiberin, Gegenpäpstin, Detektivin, Heilerin, Glasmalerin, Hebamme, Wanderhure, Kastellanin, Molekularbiologin (nein, das war ein Scherz).
Zwischen all dem romantisierenden, pseudoemanzipatorischen Groschengesums liegt in der neue Roman von Ruth Berger: schlicht “Gretchen” betitelt, was bekannterweise kein Beruf, sondern ein Schicksal ist, und weil die Geschichte in Frankfurt im Jahr 1771  sich abspielt, verrate ich kein Geheimnis, wenn ich sage, dass es um das wahre Mädchen hinter dem Goethe’schen Gretchen geht. Die Dienstmagd Susanna Brandt nämlich, die in ihrer Not ihr neugeborenes Kind umbringt und die wenig später in einem spektakulären Prozess zum Tod durch Enthauptung am Rossmarkt verurteilt wird. Unter den Zuschauern am Morgen der Hinrichtung: der junge Goethe.ffm-hauptwacherossmarktzeil1
Die Familie Goethe spielt selbstredend mit, die namhaften Honoratioren der Stadt tauchen auf,  und die Orte, die Namen, die Ereignisse, das Vokabular, wahrscheinlich sogar das Wetter und jedes andere Fitzelchen sind aufs Genaueste recherchiert. Die Autorin wechselt zwischen Imperfekt und dem präsentischen Erzählen, um möglichst hohe Authentizitätseffekte zu erzielen – mit anderen Worten, es könnte ein öder, faktenhuberischer Durchschnittshistorienkrimi sein. Ist er aber nicht.
Ich schätze Ruth Bergers Schreiben seit ihrem ersten Roman. Sie bezaubert mit stilistischer Leichtigkeit, mit echter Passion und der Genauigkeit der Historikerin. Ihre Dialoge werden mit der Zeit deutlich stärker, ihre Kenntnisse der konkreten Lebensumstände der Zeit sind stupend, ohne dass sie sie aufdringlich serviert. Obendrein hat sie einen trockenen Frankfurter Humor und eine funkelnde Ironie, und  sie schaut nicht weg, wenn es eklig wird oder beängstigend. Die Idee ist gewiss nicht neu, fiktive Figuren ins vermeintlich richtige Leben zurückzuverfolgen. Aber wie sie die sozialen, emotionalen, gesellschaftlichen und moralischen Momente inszeniert, die alle unweigerlich und unausweichlich auf dieses schreckliche Ende zuführen, an dem keiner Schuld gehabt haben will, das ist schon mit dramaturgischer Kraft und einem gewissen aufklärerischen Gestus gemacht.
Ja, Frankfurt sollte man schon mögen oder zumindest eine gewisse Bereitschaft aufbringen, sich mit dem Schauplatz anzufreunden. Aber ab dann winkt das überraschende Vergnügen, von einer Könnerin des Genres eine gute Geschichte erzählt zu bekommen.

Ruth Berger: Gretchen, Historischer Roman, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Dezember 2008
ISBN 978-3-499-24544-2, Euro 8,95

Das trunkene Schiff auf vier Strömen

Das Zeichen des Widders ist wohl eines der aufregendsten Bücher des Jahres, Ende September im Aufbau Verlag, in Frankreich bereits 2000 bei Viviane Hamy unter dem Titel Les Quatres Fleuves erschienen.

(c) Valtérie Berg

Edmond Baudoin, Foto: (c) Valérie Berge

Der Vier-Ströme-Brunnen ist von Bernini, und Vincents Vater baut in der Geschichte die riesige Marmorskulptur hinterm Haus aus gewalzten Bierdosen und Kronkorken nach.  Das Material, das  er dafür benötigt, sammeln seine vier Söhne auf den Pariser Straßen ein, und wenn sie ein Bier trinken gehen, dann wählen sie die Marke nach den fehlenden Farbschattierungen. Vincent lebt in der Banlieue in einem ganz eigenen, geschlossenen Familienuniversum, begeht mit seinem Kumpel kleinere Einbrüche und Überfälle, bis eines Tages etwas schiefläuft.  Ihre Beute besteht aus viel Geld, aber in der Tasche finden sich daneben noch unheilvolle Dinge, die die Jungs erschaudern lassen. Grégoire nimmt die Tasche mit nach Hause, am nächsten Morgen findet Vincent ihn getötet in seiner Wohnung. Die Mörder haben nach etwas gesucht, es aber offenbar nicht gefunden, denn Vincent kennt das Versteck seines Freundes, nimmt die Tasche an sich und wird von diesem Moment an zur Zielscheibe des Widders – eines Serienmöders, der seine Opfer nach bestimmen Ritualen zurichtet.

Fred Vargas führt die erste Krimiliga seit vielen Jahren an, die Figur des eigenwilligen, kopflastigen, träumerischen und traumsicheren Kommissars Adamsberg war noch verhältnismäßig jung, als sie sich auf die Zusammenarbeit mit Baudoin verständigt hat. Für ihre Dialoge ist sie völlig zurecht gerühmt und geliebt.
Edmond Baudoin. Eine ausführliche Bibliographie findet man auf seiner Seite, wo auch Zeichnungen, Ausschnitte und Cover zu finden sind (ebenso ein hinreißend-verspielter “Animationsfilm”). Baudoin wurde 1942 inNizza geboren und fing erst mit 33 Jahren an zu zeichnen. Er choreographierte – und tut es wohl zuweilen immer noch – Stücke für Modernes Ballett und arbeitete einige Jahre sehr erfolgreich als Manga-Zeichnevargasr.
Das Ballett scheint für ihn eine zentrale ästhetische Erfahrung gewesen zu sein, und wenn auf dem Klappentext auch das schöne und ganz angemessene Zitat aus Le Monde steht: ” So kraftvoll wie eine Oper, so zart wie eine Jazz-Melodie”, so meine ich doch, dass die zentralen Denkfiguren des Balletts, Rhythmus und Dichotomie, die Kraft und emotionale Wucht dieser Zeichnungen ausmachen. Ja, die beiden erzählen einen Kriminalroman, doch irgendwie wie nebenbei. Es geht um die Sprache – die der Dialoge und der Striche: angerissen, dunkel, hoch rhythmisiert,  atmosphärisch, dem Unbewussten zugewandt.
Es gibt so ein schönes, abgelutschtes Wort der Literaturkritik: kongenial.
Und klug.

Vargas / Baudoin: Das Zeichen des Widders, Roman, Aufbau Verlag 2008, ISBN 978-3351032500. Übersetzung von Julia Schoch (literarisch und fein). Dass der im Cover eingesetzte Störer “Mit Zeichnungen von Baudoin” der Sache denkbar unangemessen ist, ist klar.

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Ein großes Quantum Alkohol

Zuerst habe ich das Buch einige Monate liegen gelassen. Der Anfang des Klappentextes war ausreichend für diese Entscheidung: “Herr über das Totenreich. Gerriet Quirke arbeitet als Pathologe im Holy Family Hospital.” Zum einen will ich keine Kriminalromane mehr blacklesen, oder zumindest nicht mehr so viele, zum anderen kenne ich jeden Handgriff in jedem Seziersaal dieser Welt. Noch ein forensischer Pathologe und ich weine.

Quasi aus Versehen nahm ich Buch dann doch zur Hand, dessen Covergestaltung im Geist des Paratextes erfolgte. Ganz schnell glaubt man sich in ein perfektes Pastiche versetzt: die Figur des gebrochenen, sympahtischen Trinkers Prof. Dr. Quentin, die Leiche der jungen Frau, die kleine Unregelmäßigkeit, die alte Liebe, der frühe irische Herbst. Ein Autor, der sich auskennt im Metier, möchte man meinen, jemand, der es genießt, einen Genreroman zu schreiben, der in den fünfziger Jahren spielt. Spätestens auf Seite siebzehn schaut man dann in der Autoreninformation nach, und siehe da, der Verlag spendiert uns die Information: Benjamin Black ist das aufregende Pseudonym von John Banville. Gewissermaßen bestätigt und beruhigt liest man also weiter, widmet sich etwas aufmerksamer, als man es sonst täte, den Metaphern und genießt den genreverliebten Banville. Es wird ausgiebig getrunken und noch ausgiebiger geraucht, gelitten wie früher und gesprochen wie in Filmen, die von Früher erzählen. Männer hat es noch in diesem Buch, die mit ihren Schwächen niemandem auf die Nerven gehen und ihren antiklerikalen Impetus durchhalten, und Frauen hat es von Anne Tyler’scher Gefühlslage.
Man schmökert in feinster Manier und hat einen Banville gelesen. Wäre das Taschenbuch nicht so hässlich, man würde es gern als Weihnachtsgeschenk oder für Nicht-Christen einfach so empfehlen.

Benjamin Black: Nicht frei von Sünde, Kriminalroman, Rowohlt Taschenbuch Verlag, November 3008
ISBN 978-3-499-24817-7

Jan Seghers: Partitur des Todes

Altenburg schreibt in seinem Tagebuch mit Toten (das ich irgendwie sehr gern lese) den Tod von Heinz Barth am 6. August auf, einem “der Schlächter von Oradour-sur-Glane” – notiert dessen Tod im hochbetagten Alter und vor allem den Umstand, dass er als freier Mann gestorben ist. Bei diesen Notaten der Sterbefälle und Todestage denke ich an die “Jahrestage”. Gefundene Mitteilungen, Assoziationen, die Löcher in die Gegenwart reißen und Vergangenheit ins Bild nehmen. Heute ist dazu noch der 21. August. Und in der FAZ das Bild eines russischen Panzers in Prag. Gesine Cresspahl hätte die Meldung über das Ableben von Heinz Barth auch gefunden. Vielen Dank dafür, Herr Altenburg.

Schreiben will ich aber eigentlich über den Krimi “Die Partitur des Todes”. Ist im Januar erschienen, und ich glaube, durchweg alle haben ihn gelobt. Was soll ich sagen, ich finde das Buch auch prima. Ausgesprochen gelungen gewissermaßen.
Zum einen nährt es genüsslich, voller Kenntnis und ausgiebig mein Liebe zu Frankfurt. Zum anderen ist dieser Marthaler im Unterschied zu sehr vielen am Reißbrett entworfenen Kollegas kein Abziehbild des abgeklärten, übersättigten, liebesmüden Kommissars (wobei er dies alles auch ist, wenn ich das recht bedenke. Was nur der Beweis dafür wäre, dass Klischees auch wieder zu Eigenschaften verflüssigt werden können. ), sondern eine interessante, zudem natürlich sympathische Figur, die im Verlauf des Romans an Komplexität gewinnt (der Autor unterhält ein Verhältnis zu seiner Figur). Die Nähe zu Wallander liegt auf der Hand, sagen die Rezensenten und loben den Autor dafür. Das will ich nicht entscheiden. Wallander war ausgehöhlt vom zu häufigen Gebrauch.
Hinzu kommt, dass der Plot schön kompliziert erfunden ist. Sich also langsam erst verschlingt, entwirrt, verknotet, übereinander lagert, Tempo bekommt, Nebenwege beschreitet.
Begeisterung, obwohl ich keine Kriminalromane mehr lesen wollte. Und schon gar nicht mögen.

Jan Seghers: Partitur des Todes. Wunderlich, Januar 2008, 978-380520839-0

Palästinenser unter sich

Rees: Der Verräter von Bethlehem

25% der belletristischen Titel im Buchhandel seien Krimis, stand neulich in der Branchenpresse.
Rees hat ein gutes Buch geschrieben, aber wie überdrüssig ist man dieser auf Teufel heraus orginell konzipierten Detektivfiguren, die allmählich jeden Marktflecken dieser Welt literarisch kartographieren und serientauglich aufbereiten.
Die Krimihandlung ist überflüssig – aber die Geschichte gut erzählt, aufmerksam und kenntnisreich, und man erfährt Unglaubliches, Konkretes und Politisches aus Palästina. Sympathisch ist die Figur allemal: Omar Jussuf, ein alternder, leicht sentimentaler Lehrer. Nathan, der Weise.
Die Guten und die Bösen gehen einem unterwegs verloren. Der Text zerlegt die politischen Meinungen, die man mühsam genug sich zusammen gebaut hat. Sehr lustig: der Schulleiter (nur nicht sein Tod, natürlich).
Und ich erinnere mich an den Nachmittag in Bethlemen, als Politik so unangenehm konkret wurde und die Dinge, die Worte und die Ängste sich ineinanderschoben.
Nur die Krimihandlung ist überflüssig.