Fatigue

Ein selten gewordenes Wort, das elegant Ermüdung, Leere, Überdruss und Ekel verdichtet. Gestern begegnete ich ihm gleich zweimal und kam auf seiner Spur auf ein wunderbares Buch zurück.

Gestern las ich spiegel online. Düstere Dinge liest man dort. Die düstersten ganz weit unten. Dort bekommt man Nachricht von der facebook fatigue, von der weltweit umspannenden, tiefen Erschöpfung, die aus der Beschäftigung mit dem Belanglosen erwächst.
Und weil das Unternehmenswachstum weltweit schlicht aus Marktübersättigung stagniert, erfand Facebook die Timeline, im Deutschen die Chronik. Es nimmt nämlich für den Chronisten sehr viel Zeit in Anspruch, alle Dokumente, Bilder und Lebensbelege in die Chronik einzupflegen, das eigene Leben endlich sichtbar zu machen und darüber hinaus die datenschutzrelevanten Einstellungen zu verstehen und zu aktivieren. Endlich die perfektionierte Möglichkeit, den Überdruss mit vollständig sinnentleertem Tun zu ertränken. Und gleichzeitig ökonomisch verwertbar zu bleiben – denn jeder Augenblick, den ein ermüdeter Nutzer mit der Aufbereitung der ermüdenden Dokumente seines kleinen Lebens auf Facebook verbringt, ist eine guter Augenblick für die Werbetreibenden.

Gestern lief ich auch über die Straße.
Vor einem Kleinkinderförderungsgeschäft namens “Zwergenorchester” stehen elf gleiche dunkelblaue Nobelkinderkutschen unter identischen Regenschutzhüllen. Elf – sehr wahrscheinlich – gut ausgebildete Mütter der gehobenen Mittelschicht mit musikalisch optimal geförderten Kleinkindern im Alter von etwa anderthalb Jahren treten mitten am Tag auf den Bürgersteig. Eine lässt uns wissen, dass sie noch zum Markt gehen wird und am Abend, wenn Sebastian nach Hause kommt, etwas Schönes gekocht haben will.
Eine fatigue überkam mich, die der Gesamtsituation mehr als gerecht wird.

Vivre fatigue
– so lautet der Titel eines Bandes mit Kurzgeschichten von dem im Jahr 2000 verstorbenen Jean-Claude Izzo. Dort heißt es: »Je weiter man zum Ende der Dinge kommt, umso mehr verschwimmt der Unterschied zwischen Glück und Unglück«.
Der Band ist im Unionsverlag unter dem Titel Leben macht müde erschienen.
Schneidend klare, trostlose Erzählungen, in denen die Gewissheit herrscht, das auf einen Moment des Glücks das Unglück folgt und am Ende bloss der Tod steht.
Einen winzigen Trost gibt es für Leser: In der letzten Geschichte begegnet man Fabio Montale, der dann in der Marseille-Trilogie den intellektuell attraktivsten Anti-Helden der zeitgenössischen Kriminalliteratur gibt.

Sommerlektüre

Wie viele Menschen in der Buchbranche gehöre ich zu den Suchtlesern. Ich lese Werbeaufschriften auf vorbei fahrenden Lastern, die Vorder- und Rückseite von Pflanzetiketten und die Briefe an die Herausgeber in der FAZ. CarlalesendDie Vorstellung, vier Busstationen ohne Lektüre verbringen zu müssen, macht mich nervös, und ich würde tatsächlich nie das Haus ohne ein Taschenbuch verlassen, wenn ich umsteigen muss. Eine Zugreise trete ich mit mindestens zwei Büchern und verschiedenen Zeitungen an, nur für den Fall, dass eine Lektüre im Vorfeld falsch gewählt war oder sich während der Lektüre als falsch herausstellt. Süchte gehören nun nicht zu den gesellschaftlich erwünschten Erscheinungen und werden deshalb anonym kuriert.
Aber die Zeiten der Scham sind vorbei, wie ich in einem französischen Blog las, der wiederum einen amerikanischen kommentierte und mich überhaupt erst auf das Thema Lesesucht brachte, denn ich  lese auch dauernd Texte im Internet. Die amerikanischen Lobbyverbände Booksellers Association and Publishers Association haben sich auf eine neuen Typus verständigt: den bekennenden bookaholic, der nun mit aparten Slogans ausgestattet wird und die Sucht salonfähig machen soll.

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Sommerlektüre

Wie viele Menschen in der Buchbranche gehöre ich zu den Suchtlesern. Ich lese Werbeaufschriften auf vorbei fahrenden Lastern, die Vorder- und Rückseite von Pflanzetiketten und die Briefe an die Herausgeber in der FAZ. CarlalesendDie Vorstellung, vier Busstationen ohne Lektüre verbringen zu müssen, macht mich nervös, und ich würde tatsächlich nie das Haus ohne ein Taschenbuch verlassen, wenn ich umsteigen muss. Eine Zugreise trete ich mit mindestens zwei Büchern und verschiedenen Zeitungen an, nur für den Fall, dass eine Lektüre im Vorfeld falsch gewählt war oder sich während der Lektüre als falsch herausstellt. Süchte gehören nun nicht zu den gesellschaftlich erwünschten Erscheinungen und werden deshalb anonym kuriert.
Aber die Zeiten der Scham sind vorbei, wie ich in einem französischen Blog las, der wiederum einen amerikanischen kommentierte und mich überhaupt erst auf das Thema Lesesucht brachte, denn ich  lese auch dauernd Texte im Internet. Die amerikanischen Lobbyverbände Booksellers Association and Publishers Association haben sich auf eine neuen Typus verständigt: den bekennenden bookaholic, der nun mit aparten Slogans ausgestattet wird und die Sucht salonfähig machen soll.

Im Internet habe ich neulich auch gelernt, dass es zu den avancierten Web 2.0-Unternehmensstrategien gehört, Themen in Content, White Papers, Blogs, Threads, Communities, Twitter und Facebook zu positionieren, ohne dass der “Einsatz auf den Abverkauf einzahlt”. Seitdem weiß ich, dass man aufs Impressum schauen muss, bevor man längere Strecken zu lesen beginnt. Ich suchte beispielsweise nach Informationen zu einer Krankheit (nichts Schlimmes). Ich gebe also das Stichwort im Suchmaschinenfenster ein, erhalte Ergebnisse und klicke auf eine Adresse, die vernünftig klingt. Und glaube mich gut bedient. Eine übersichtlich aufgebaute, aufwendige  Seite, viel Text, Information und Links. Erst als ich zwanghaft alles gelesen habe, sehe ich, dass die Seite von einer großen deutschen Pharmafirma betrieben wird – keine Werbung, kein Link, kein Medikamentenname. Das Ziel besteht lediglich darin, das Thema zu beatmen und in den Suchanfragen nach vorne zu bringen.

Die Fischer Verlage machen ja jetzt auch mit bei der Kundenbindung. Twittern 140 Zeichen-Sätze aus ihren Büchern. Und die Branchenblätter kommentieren, besprechen und beurteilen. Kein Feuilleton, das nicht täglich über die new social media schreibt.
Die Nutzerzahlen erzählen von einer anderen Realität. Nach einer Harvard-Studie aus diesem Jahr generieren 10% der Twitterer 90% des Contents. 50% der Benutzer aktualisieren ihre Seite nur alle 74 (!)Tage, die andere Hälfte nach der Anmeldung nie wieder.
Man mag auf den Gedanken kommen, dass der “white noise” (so nennt ein englischer Kulturkritiker diesen endlosen Sums über die falschen Themen), der von braven Buchblättern mangels eigener Inhalte produziert wird, eine recht klug lancierte Web.2.0-Twitter-Unternehmensstrategie zur Markenbildung ist. Kostenfrei.

Aber für Zynismus sind die Zeiten schlecht im Buchgeschäft, wie man lesen kann. Der Marketing Consultant Damien Horner, der die Bookaholics-Kampagne erfunden hat, ruft seinen Kritikern unter den Verlegern zu:
“At this point all I would ask is that people suspend their cynicism and allow the next stage of the development process to happen.”
Wenn Sie jetzt immer noch lesen, gehören Sie zur Gruppe derer,  die aus diesem development process beiseite treten möchten, Ihnen sei für die Sommerfrische eines der schönsten Reiseabenteuerbücher der Literatur empfohlen: “Die Argonauten auf der Kosmobahn”, das mir vor vielen Jahren ein bekennender Bookaholic ans Herz legte.
Julio Cortázar und seine Frau Carol Dunlo reisten 1982 im VW-Bus von Paris nach Marseille. Die Forschungsreise unterlag einer einfachen Regel: Sie durften die Autobahn nicht verlassen und mussten auf allen 65 Parkplätzen der Autobahn Halt machen, und auf jedem zweiten, egal wie hässlich, übernachten, “Buchtenschippern in diesem Archipel der Parkplätze”. Das Logbuch dieser Reise erschließt eine fremde Welt in der bekannten, der Weg wird zum  Ziel, und die Erkundung ist – wie bei allen großen Expeditionen – auch Selbsterkundung.
Das Buch ist bei Suhrkamp erschienen und nicht mehr lieferbar. Vielleicht eröffne ich für die Dauer der Sommerferien ein Twittergeschäft (sagt man so?) und funke das Buch in Abschnitten von 140 Zeichen an die Welt der Leser. Kostenfrei.

War? It’s like this.

guibertDen deutschen Lesern ist der franko-kanadische Zeichner Emmanuel Guibert bekannt: Die Edition Moderne hat die herausragende dreibändige Graphic Novel “Der Fotograf” vorgelegt – Berichte aus Afghanistan.
Nur acht Jahre hat es gedauert, bis “Alan’s War” aus dem Französischen übersetzt wurde und im letzten Herbst endlich in den USA erschienen ist.
In einer Anekdote erinnert Alan an eine orale Tradition der Pygmäen: Jemand wirft einen Begriff, ein Wort, in die Runde, wie zum Beispiel: Liebe oder Krieg, und ein Anderer beginnt seine Geschichte mit der einleitenden Formulierung: Love? It’s like this:
Besser könnte man die Erzählhaltung dieser Graphic Novel nicht beschreiben. Der Autor traf Alan Cope Anfang der Neunziger in Frankreich. Sie lernten sich zufällig kennen und gerieten in ein Gespräch, das bis zu Alans Tod 1999 währte. Alans Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg hat Emmanuel in einem Buch aufgehoben – bewahrt und bearbeitet. Die narrative Struktur hat er nicht verändert: Die Erinnerung an die Vergangenheit ist hoch subjektiv ausgefallen, die Assoziationen, Wahrnehmungen und Sprünge sind geblieben, wenn sich auch Autor und Erzähler trotzdem sorgfältig um historische Richtigkeit in den Details gekümmert haben.
Alan Cope war ein einfacher amerikanischer Soldat, der im Februar 1945 nach Frankreich kam. Vorher durchlief er beinahe zwei Jahre in Ausbildungscamps, wartend in öden Kasernenlandschaften. Als er dann nach Europa  kommt, ist der Krieg abwesend und auf unheimliche Weise anwesend zugleich. Keine blutigen Heldenschlachten, sondern ein surrealer Alltag, der nach strikten Regeln abläuft. Schlafen, Essen, nächster Tag. Die Soldaten sehen  Frankreich hauptsächlich durch die Sehschlitze ihres fahrenden Panzerfahrzeugs. Der Befehl lautet, in die Tschechoslowakei zu fahren, was sie tun, und irgendwann ist der 8. Mai. Nach dem Krieg bleibt Alan in Europa, die Verstörung, die De-territorisierung lässt sich nicht einfach abschütteln.
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Minga laba

Wenn es damals doch solche Hefte zur politischen Bildung gegeben hätte.
So musste ich auf die “Aufzeichnungen aus Birma” warten, um zu erfahren, welche Alltagshürden man überwinden muss, um in diesem Land sein Leben einzurichten, wie es regiert wird, wie die Straßen dort aussehen, was die Leute unter der Woche so machen, wie die medizinische Versorgung ausschaut, wie heiß heiß sein kann. Und wo genau es liegt, wusste ich übrigens auch nicht.

deslisleGuy Deslisle legt sein drittes Buch aus den terris incognitis der politischen Landkarte unserer Gegenwart vor: gemalte Romane aus der Lebenswirklichkeit abgeschotteter Diktaturen. In “Shenzhen” und “Pjöngjang” (wir berichteten) war er als Profi der internationalen Comicindustrie unterwegs und erzählte ausführlich von den Arbeitswelten dieser malträtierten Länder. Dieses Mal ist seine Perspektive noch ungleich subversiver. Er ist mitreisender Ehemann,  seine Frau arbeitet für Médicins sans Frontières in Birma. Und er ist der Papa von Louis. Deslisle erlebt den Aufenthalt in Rangun als Vater eines Kleinkindes – Windeln wechseln, Wohnug finden, Essen kaufen, Kindergartenplatz und Spielgruppe finden, Abendspaziergänge und  die Gespräche mit den anderen mitreisenden Ehegatten. Das könnte unendlich langweilig sein, doch Deslisles Blick – genau, reflexiv, begabt mit Witz und Selbstironie – und seine episodenhafte Erzählweise, die im besten Sinne politisiert und kenntnisreich ist und dabei immer verspielt-poetisch bleibt, machen aus diesen Aufzeichnungen ein großes Buch voller kleiner Momente. Als Leser kennt man nach der Lektüre nicht die touristischen Sehenwürdigkeiten von Rangun, aber doch die Supermärkte, ein, zwei Straßenzüge, Nachbarn und NGOs aller Couleur, ein paar Büros, Militärs, Krankenhäuser und einige nette Partys.

Der Anti-Held mit dem flachen Hinterkopf ist der neue, sympathische Typus des brillanten Enthnologen, des Abenteurers nach dem Ende aller Abenteuer. Deslisle hat keine Mission zu bestehen, er übt die anteilnehmende Beobachtung aus in einem Land, das beinahe surreal in seiner diktatorischen Inszenierung anmutet. Seine Schwarzweiß-Zeichnungen haben oft einen skizzenhaften Charakter, doch wenn er die Aufmerksamkeit auf Details lenken will, sind die Bilder genau und sprechend zuweilen in ihren Auslassungen. “Lässig” möchte man am liebsten sagen, echt lässig und schlau. Hervorzuheben ist die gute Übersetzungsleistung von Kai Wilksen.
Eine Leseprobe gibt es auf der Reprodukt-Seite.

Guy Deslisle: Aufzeichnungen aus Birma. Reprodukt: Berlin Mai 2009. Aus dem Französischen von Kai Wilksen, Handlettering von Céline Merrien, 272 Seiten, 20 Euro. ISBN 978-3-941099-01-2

Donald bei Gericht

Dieser Christophe Berthier-Leibowitz von Hannelore Cayre ist das Abziehbild einer Comic-Kunstfigur. Seine Sprechblasen sind ständig mit Ausrufezeichen gefüllt, Blitze und Fäuste umtanzen seinen Kopf. Mit den Händen in den Taschen cayreund gesenktem Blick verlässt er die Kampfszenen, geschlagen vielleicht, aber nicht am Boden. Keine Sorge, ich komm wieder.
Und was ein selbstsüchtiger Flegel, grob, egozentrisch, empfindlich nur, wenn es um ihn selbst geht, ohne Moral noch Anstand. Sex hätte er gern mehr, doch seine Fettleibigkeit mindert den Erfolg bei den Frauen.  Er säuft und ist ordinär. Und ganz wichtig: natürlich gehört er nicht zur juristischen Elite des alten Frankreichs, nein, diese Kotzbrocken blicken nur verächtlich auf den Emporkömmling mit jüdischem Namen. Also schluckt er Staub, und das bedeutet im Justizwesen: Strafverteidiger für Nutten, Dealer, Schänder, Betrüger, Diebe, Hehler, Schmuggler, Waffenhändler, nichtsnutzige Ausländer ganz allgemein oder auch Brandstifter oder Erpresser. Er verachtet Autoritäten, doch seine manische Systemzersetzung erfolgt nach privatistischen Maßgaben. Seinem Hang zum Nichtstun frönend, unterhält ein Konto bei der Dresdner Private Banking in Zürich mit verdammt vielen Nullen hinten. Marie-France heißt die Steuerinspektorin, die ihn pfänden lässt (nicht das Nummernkonto). Sein Sprachgebrauch ist gekennzeichnet von Obszönitäten, Zynismen und halbwitzigen Sprüchen. Durch seine Geschichten schleppt er sich mal mühsam, mal voller guter Vorsätze, wieder einmal in die Handlung einzugreifen und den Lauf der Welt zum Besseren und seinem Vorteil zu wenden.
Cayre steckt ihm wie eine freundliche Kollegin in jedem Buch einen netten Plot in die Jackentasche, damit er nicht so allein durch den Text muss. Beim ersten Mal (Der Lumpenadvokat) war es eine haarsträubende Knast-Austausch-Nummer, dieses Mal eine hoch anständige Beutekunstaffaire, im dritten Buch der Leibowitz-Serie (Ground XO), das bislang nur in Frankreich erschienen ist, werden Rap und Cognac eine sehr große, urkomische Rolle spielen.
Habe ich erwähnt, dass er hinreißend ist, dieser nervige Typ? Dass man diese Bücher unbedingt lesen sollte, wenn man keine Krimis mehr lesen will? Das Lob gebührt dem Übersetzer Rudolf Schmitt, der ein Meisterstück daraus gemachct hat.

Das war wieder unsere Sendung: Bleiben Sie informiert: Informationen zur Literatur unserer Nachbarländer. Schalten Sie wieder zu, wenn es heißt: Bleiben Sie informiert.

Hannelore Cayre: Das Meisterstück. Ein Fall für Leibowitz. Kriminalroman, Unionsverlag 2008
ISBN 978-3-293-00390-3

Das trunkene Schiff auf vier Strömen

Das Zeichen des Widders ist wohl eines der aufregendsten Bücher des Jahres, Ende September im Aufbau Verlag, in Frankreich bereits 2000 bei Viviane Hamy unter dem Titel Les Quatres Fleuves erschienen.

(c) Valtérie Berg

Edmond Baudoin, Foto: (c) Valérie Berge

Der Vier-Ströme-Brunnen ist von Bernini, und Vincents Vater baut in der Geschichte die riesige Marmorskulptur hinterm Haus aus gewalzten Bierdosen und Kronkorken nach.  Das Material, das  er dafür benötigt, sammeln seine vier Söhne auf den Pariser Straßen ein, und wenn sie ein Bier trinken gehen, dann wählen sie die Marke nach den fehlenden Farbschattierungen. Vincent lebt in der Banlieue in einem ganz eigenen, geschlossenen Familienuniversum, begeht mit seinem Kumpel kleinere Einbrüche und Überfälle, bis eines Tages etwas schiefläuft.  Ihre Beute besteht aus viel Geld, aber in der Tasche finden sich daneben noch unheilvolle Dinge, die die Jungs erschaudern lassen. Grégoire nimmt die Tasche mit nach Hause, am nächsten Morgen findet Vincent ihn getötet in seiner Wohnung. Die Mörder haben nach etwas gesucht, es aber offenbar nicht gefunden, denn Vincent kennt das Versteck seines Freundes, nimmt die Tasche an sich und wird von diesem Moment an zur Zielscheibe des Widders – eines Serienmöders, der seine Opfer nach bestimmen Ritualen zurichtet.

Fred Vargas führt die erste Krimiliga seit vielen Jahren an, die Figur des eigenwilligen, kopflastigen, träumerischen und traumsicheren Kommissars Adamsberg war noch verhältnismäßig jung, als sie sich auf die Zusammenarbeit mit Baudoin verständigt hat. Für ihre Dialoge ist sie völlig zurecht gerühmt und geliebt.
Edmond Baudoin. Eine ausführliche Bibliographie findet man auf seiner Seite, wo auch Zeichnungen, Ausschnitte und Cover zu finden sind (ebenso ein hinreißend-verspielter “Animationsfilm”). Baudoin wurde 1942 inNizza geboren und fing erst mit 33 Jahren an zu zeichnen. Er choreographierte – und tut es wohl zuweilen immer noch – Stücke für Modernes Ballett und arbeitete einige Jahre sehr erfolgreich als Manga-Zeichnevargasr.
Das Ballett scheint für ihn eine zentrale ästhetische Erfahrung gewesen zu sein, und wenn auf dem Klappentext auch das schöne und ganz angemessene Zitat aus Le Monde steht: ” So kraftvoll wie eine Oper, so zart wie eine Jazz-Melodie”, so meine ich doch, dass die zentralen Denkfiguren des Balletts, Rhythmus und Dichotomie, die Kraft und emotionale Wucht dieser Zeichnungen ausmachen. Ja, die beiden erzählen einen Kriminalroman, doch irgendwie wie nebenbei. Es geht um die Sprache – die der Dialoge und der Striche: angerissen, dunkel, hoch rhythmisiert,  atmosphärisch, dem Unbewussten zugewandt.
Es gibt so ein schönes, abgelutschtes Wort der Literaturkritik: kongenial.
Und klug.

Vargas / Baudoin: Das Zeichen des Widders, Roman, Aufbau Verlag 2008, ISBN 978-3351032500. Übersetzung von Julia Schoch (literarisch und fein). Dass der im Cover eingesetzte Störer “Mit Zeichnungen von Baudoin” der Sache denkbar unangemessen ist, ist klar.

Das war wieder unsere Sendung: Bleiben Sie informiert: Informationen zur Literatur unserer Nachbarländer. Schalten Sie wieder zu, wenn es heißt: Bleiben Sie informiert.

Pjöng & Jang

Guy Deslisle ist Frankokanadier und ein weit gereister Mensch – Vorarbeiter in der Trickfilmindustrie, wo inzwischen längst in den abgelegensten, sprich Niedriglohn-Regionen der Welt produziert wird. Das erste gezeichnete Reisetagebuch Shenzhen berichtete von einem Aufenthalt in der chinesischen Sonderwirtschaftszone, Pjöngjang von der nordkoreanischen Hauptstadt, die auch nicht eben zu den weltoffenen Städten dieser Welt zählt. Im Januar 2009 wird der dritte Titel dieser Serie erscheinen: Aufzeichnungen aus Birma. delisleSchwarz-weiß, grau, Grauschattierungen, klare Flächen, starke Linienführung: Wir sehen Pjöngjang, eine am Reißbrett entworfenen Stadt, die ohne Strom ständig im Halbdunkel zu liegen scheint. Autoscheinwerfer erhellen eine stockdunke Straße, die Kegel schneiden einzelne  Silhouetten kleiner Menschen aus. Eine leere Stadt: kaum Autos, kein Dreck, keine Straßenbahnen, ein AUsländer muss sich immer in der Gesellschaft seines Dolmetschers und seines guides bewegen. Die Seitenarchitektur ist von strengem Zuschnitt, die Szenen wie in einem Tagebuch gereiht, manchmal sprunghaft,  sehr genau beobachtet. Die Bedrückung geht in die Bilder hinein. Der monotone Alltag der Westler spielt sich weitgehend in den drei Hotels ab, in denen Ausländer wohnen dürfen, die verschiedenen Kasten (Spezialisten, NGOler, UNO, Journalisten) in ihren zugewiesenen Arealen – streng abgeschottet von der Bevölkerung. Deslisle nimmt die Zeichen dieser zwanghaften politischen Inszenieurng ins Visier und löst in seinem Spaziergang durch die Kulissen der Lügenhaftigkeit und des Terrors die Signifikanten vom Signifikat. Ich las, die Kritik vergliche seine Arbeiten mit denen von Marjane Satrapis. Jein. Satrapis arbeitet viel mehr mit klassischen narrativen Elementen. Ihre Geschichten sind in hohem Maße autobiographisch motiviert. Ich meine, Deslisle hat einen starken politischen, ja aufklärerischen Impetus, ästhetisch und sprachlich ausdrucksstark. Text und Bild laufen zuweilen voneinander weg. Er scheut auch nicht den erklärenden Exkurs ins Geschichtliche. Zugleich witzig und detailverliebt. Lustige Nebenfiguren.  Obendrein erfährt man auch einiges über die Arbeitsprozesse und Outsourcing in der Comicindustrie. Meine Lieblingsseite: 144 / 145 Was die Jury des Mara-Cassens-Preises über den diesjährigen Gewinner Lukas Bärfuss sagt, der diese Woche für seinen Roman Hundert Tage ausgezeichnet wurde, gilt ebenso für Guy Delisle:  “Die schnörkellose, direkte Sprache und die zwingende Dramaturgie des Romans führen den Leser direkt ins Dilemma: Machen wir uns schuldig, wenn wir nur zuschauen, aber nicht eingreifen – oder sind es vielmehr gerade unsere Eingriffe, die das Elend verlängern und befeuern? Die Stärke des Romans besteht darin, keine Antwort zu formulieren, sondern allein die Frage zu stellen.“

Guy Delisle: Pjöngjang, 184 Seiten, s/w, 24.5 x 16,5 cm, Klappenbroschur ISBN 978-3-938511-31-2, 18 Euro