Adventsdepression

Von den ersten 25 Plätzen der aktuellen belletristischen Hardcover-Bestsellerliste hat mein Kind sieben Bücher gelesen (und es liest, wie es sich gehört, Kinder- und Jugendbücher).
Da es sehr wohl eine eigens erstellte Bestsellerliste für Kinderbücher gibt – auf der sich Titel wie “Die kleine Raupe Nimmersatt” und das “Winter-Wimmelbuch” tummeln – schließe ich, dass der Titelzuordnung ein taktischer Pakt zwischen SortimenterInnen, der GfK und dem Focus zugrunde liegt, der einer einfachen Regel folgt: Der Teufel scheißt auf den größten Haufen. Promo-Maßnahmen bringen am meisten bei Spitzentiteln. Schließlich heißt Bestseller nichts anderes als am besten verkauft. Continue reading

Der neue Brenner: Begeisterung Hilfskonstruktion

Tot ist er ja gewesen, der Simon Brenner nach dem sechsten Buch. Mausetot und im Himmel, sonst hätte der Verlag ja niemals eigens einen Schuber für sechs Bände gemacht. Sowas lohnt sich doch nur, wenn der Held endgültig hin ist, und der Handel den Süchtigen noch Stoff anbieten will.Wolf Haas (c) Hoffmann und Campe
Dass der Brenner einfach zu reden anfängt am Beginn, ist in dieser Hinsicht und jeder anderen auch eine Sensation für sich. Dass dann wieder was passieren würde, das denkst du dir dann schon, denn der Herr Simon, das ist keiner, bei dem es ruhig bleibt.

Nein, ich verfalle nicht der Versuchung zu versuchen zu schreiben, wie Haas schreibt, wenn Brenner und Haas sprechen und das Wortmaterial nur so wegfliegt. Das Problem ist ja nur, dass man gar nicht mehr rauskommt aus dieser destruierenden, Sinn entziehenden, komischen Weltwahrnehmungsweise. Die ganze Familie spricht nur noch in Ellipsen und Zitaten, sprich Wahnsinn. Kein Respekt mehr, nur tiefer Ernst da staunst du.
Der liebe Gott aus dem Titel, der im Roman selbst dann nur einmal auftaucht, macht ja nicht nur bei dem Brenner, der gerade in der Kloake ersäuft wird, einen guten Eindruck, der hat es letztlich auch gut mit uns gemeint, dass wir noch ein Buch mit dem Brenner Simon bekommen, wo der doch schon bei ihm war. Große Klappe hilft.  Seit der Brenner die Antidepressiva nimmt, so was von heiter und gelassen. Aber immer noch alle Polizeitechniken sprich gewieft.

Alles stimmt, was wahrscheinlich je geschrieben wurde: Sprengkraft des Idioms, konkrete Poesie, Sprachkritik und Klischeedurchdringung, Spracharbeit und Wortklang, Verdichtung und Wiederholung, Hybrid aus Sprachkunst und Populärkultur. Sprachmaterial und Denkfigur.
Obendrein ist dieser Krimi im österreichischen Sumpf aus Investoren, Politiker, Abtreibungsgegnern und Tirolerinnen auch noch ziemlich gut geplottet.
Nehmt alle Literaturpreise und schmeißt sie auf diesen glanzvollen, klugen, hinreißend komischen Roman drauf. Quasi Erpressung.

Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott, Kriminalroman, 223 Seiten, Hamburg: Hoffmann und Campe 2009. 19,80 Euro. ISBN 9783455401899

Trendeln, sprechen, lieben

Eine der führenden Trendagenturen in Deutschland prognostiziert ihren Kunden, so sagt mir zumindest eine befreundete Person, die für diese Agentur und für unglaublich viel Geld arbeitet,  es seien die “echten Dinge”, die in Zukunft zählten und die für die jüngeren Menschen von Bedeutung seien. Aha, denke ich, so etwas wie die neue Manufactum-Generation wird als Kundenstamm kartografiert. Weit daneben. Die jungen Leute interessieren sich keinen Deut für mundgeblasene Wäscheklammern. Die befreundete Person sagt: echt wie in authentisch, wie in gefühlter Lebensqualität, echt wie in individueller Lebensgestaltung voller wirklicher, privater Beziehungen und ungestörter Momente. Ohne Schnörkel, ohne Überfluss, sehr viel Loha und Innigkeit.
Oha.
In meiner Handtasche lag während des Gesprächs On Cesil Beach von Ian McEwan, es lag da auch schon Stunden vorher, und noch einige danach. Aber während des Gespräches eben auch, und deshalb kann ich um diese Gleichzeitigkeit heute nicht herum, die ja nun in der Tat kaum besser sich hätte fügen können.

Hieß es noch zu den Hochzeiten der Theorie, es lägen sechs Personen im Bett, wenn zwei sich liebten, so kann man das Zählen aufgeben, liest man diese schneidend scharfe, zarte und sprachgenaue Soziologie einer scheiternden Liebe.
Wie diese zwei Liebenden sich aus dem kulturellen und gesellschaftlichen Milieu zögerlich herausschälen, in dessen Schatten probehalber  zurücktreten, wie diese Szene einer Hochzeitsnacht sich unerbittlich entwickelt, unterbrochen durch die Rückblicke,  angereichert mit dem Stoff der Gegenwart,  den Wünschen, Gerüchen und der Angst, wie das Gesellschaftliche der Liebe gearbeitet, gedacht, gesetzt ist – da fragt man sich doch ganz naiv, wie es angehen kann, dass die Regression ins vermeintlich private Glück tatsächlich noch vorsätzlich angestrebt werden kann.
Man muss schon eine Planierraupe ins Feld schicken, um sein Denken und Empfinden auf diese echten Dinge einzunorden. Aber vielleicht kommen sie ja dafür bald zurück, die Krankeiten der fünfziger Jahre. Ich prognostiziere ein Ende der emotional verflachten Angestellten, die jeden Analytiker in den Langeweiletod treiben, und das Comeback der schweren Depressionen.
Aufruhr. Nullstunde der Literatur.

Books=Gifts

Im buchreport konnte der Interessierte ja schon letzten Monat lesen, dass die Weihnachtskampagne von Random House USA nicht nur genial und bahnbrechend originell ist, sondern auch gewissermaßen gemeinnützig, weil sie schließlich der ganzen Branche und dem Buch an sich zugute kommt. Alle, wirklich alle, haben mitgemacht, miteinander gesprochen und sich gefreut: die Hachette Group USA, Simon & Schuster und die New York Times Book Review. Ich auch, ich habe mich auch gefreut über diese tollen Kreativteams aus den Marketingabteilungen von Random House, die die sehr provokative Frage des CEOs Markus Dohle: ” Wie lassen sich vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise zusätzliche Verkaufsanreize für Bücher schaffen?” mit dem Coup beantwortet haben: books are gifts.
Yes, they are! Und man kann die Idee das ganze runde Jahr über verwenden. Auch in Deutschland, meine Damen und Herren aus den Marketingabteilungen der Verlage! Warum so wenig Begeisterung aus Ihrer Ecke? Ärmel aufkrempeln, sage ich,  der Valentinstag naht.
Videoclips auf alle Websites, die nicht schnell genug vom Server kommen:
Charlotte Roche lächelnd vor Bücherwand: “Bücher sind geniale Geschenke, weil sie so streng riechen.”
Uwe Tellkamp lächelnd vor Bücherwand: “Bücher sind ausgezeichnete Geschenke, weil sie jeden klug aussehen lassen.”
Cornelia Funke lächelnd vor kalifornischer Villa: “Bücher sind gute Geschenke, weil sie mich reich machen.”
Richard D. Precht lächelnd vor Bücherwand: “Bücher sind prima Geschenke, weil man nie zu viele davon haben kann.”

Sehr verschiedene Meldungen

So verspätet gemeldet wie erfreulich: der schottischen Lyrikerin Jen Hedfield _45370115_jenwurde letzte Woche der TS Eliot-Preis zugesprochen.  Hedfield erhält die mit 15.000 Pfung dotierte Auszeichnung für den Band “High-No-Place”, der bislang, soweit ich weiß, nicht in deutscher Übersetzung vorliegt.

Das Landgericht München hat Andrea Schenkel vom Vorwurf des Plagiats freigesprochen. “Tannöd” hat einen ausreichend großen sprachlichen Abstand zum Text des Klägers – was der Sachbuchautor Peter Leuschner ist – eingehalten. Man dankt Herrn Leuschner für die kostenlose PR-Maßnahme.

Die ersten zehn Plätze der Spiegel-Bestseller-Liste:
Meyer, Roche, Meyer, Rowling, Funke, Funke, dann der weit überschätzte Zafon, dessen erstes Buch schon  so grundlangweilig wie pseudoromantisch war, anschließend Tellkamp, Funke/Schmid und Paolini.
Wie groß kann das Elend eigentlich noch werden?
Auf Platz 11 immerhin eine höchst vergnügliche Abendlektüre: Alan Bennett: “Die souveräne Leserin”.
Der Rest ist eine nahtlose Fortsetzung des Elends.

Pfade und Lichtungen im wilden Gebüsch des Feuilletons schlägt ja gern Der Umblätterer. Jüngst wieder mit der Vergabe des Goldenen Maulwurfs 2008 für die zehn angeblich besten Artikel aus deutschen Zeitungen. An einem tristen Januartag kann man dort ganz gut ins Blättern geraten.

Auf der Sonnenbank: Khaled Hosseini

Nun habe ich es endlich auch getan: “A thousand splendid suns” von der ersten bis zur letzten Seite gelesen (Müßiggang unterm Sonnenschirm, der Strandbetreuer, The Magician!, bringt die Getränke) und weil ich schon dabei war, den “Kite Runner” gleich hinterher. Was für ein einwandfreies Stück der Handwerkskunst. Der Text fängt seine Leser ein, perfekte Kapiteldramaturgie, Perspektivenwechsel, Tempi – alles stimmt. Und in der Tat, man erfährt eine ganze Menge über Afghanistan. Zumindest über diese Figuren in Afghanistan. Mehrfach wird beschireben, dass die Burka den Frauen eine neue Form der sozialen (oder psychischen) Sicherheit gewährt: ungesehen beobachten zu können. Schwarz und gleichzeitig auf paradoxe Art unsichtbar.
Ich schaue über das Buch aufs Wasser, sehe Frauen in den islamkonformen Swimsuits: langärmelige, weite Anzüge aus Ballonseide, die Kapuzen bis zu den Augenbrauen ins Gesicht gezogen, mit Schnüren gesichert. Darunter Lagen von Baumwolle. Schwerste Pilzerkrankungen, weil die Haut unter den Gewändern nie wirklich trocknet. Weil sie nicht schwimmen lernen dürfen, hängen sie in überdimensional großen bunten Kinderschwimmreifen.
Und was für ein schwerer Gefühlskater stellt sich im Gefolge dieser Überwältigungsprosa ein (s.a. “Titanic-Effekt, s.a. “Brecht, Bertholt”). Von allem ein Tick zuviel. Pralles Leben, großes Gefühl, starkes Empfinden, schlimmes Schicksal, korrupte Politik. Man ist ehrlich erschöpft und ausgewrungen nach acht Stunden. Und dann meine ich, kommt die Waisenhausgeschichte in beiden Büchern vor. Oder schieben sich die Filme einfach nur übereinander?
Magician, ein frühes, kühles Bier, bitte.