Author Archives: spirograf

Die feinsten Messe-Blogs

oppenheimer01Der umschwirrte Star der Szene und ein guter Verleger obendrein: Jamie Byng schreibt über Frankfurt. Der Anfang knirscht noch ein bisschen, aber das wird.

Deutscher Buchpreis 2009

Ich kritisiere die Verleihung des Deutschen Buchpreises nicht, weil ich einen Einwand gegen die Preisträgerin Kathrin Schmidt oder gegen ihren Roman >Du stirbst nicht< (Kiepenheuer & Witsch) vorzubringen hätte, sondern weil diese Entscheidungsfindung einen Hautgout hinterlässt.
Iris Radisch schreibt in der ZEIT vom 20. August über Herta Müllers Roman >Atemschaukel<, er sei “kraftlos und schal, ja in manchen Passagen von peinigender Parfümiertheit”. Und weiter: “Das Bestreben, die Dramatik des Erlittenen und schier Unerträglichen durch besonders erlesene Herz-Schmerz-Vokabeln und Engelbeigaben zu unterstreichen, bringt eine Kunstschnee-Prosa hervor, die das Leid unter ihrem antiquarischen Pathos begräbt und das Unvorstellbare allzu vorstellbar macht.”

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Geschichte & Erinnerung: Schwartz zum Zwanzigsten

Fünf Jahre alt war Simon Schwartz 1989. Mit seinen Eltern siedelte der kleine Junge Mitte der achtziger Jahre in den Westen über, nachdem die Familie mehere Jahre auf die Bewilligung des Ausreiseantrags warten musste und entsprechend lange behördlichen Repressalien und gesellschaftlicher Ausgrenzung ausgesetzt war. Was noch wie ein Detail aus der Autorenvita klingt, führt breits mitten hinein in die Erinnerungsgeschichte des Zeichners und Illustrators Simon Schwartz, der heute in Hamburg lebt.
Er erzählt in intermittierenden Episoden vom Leben seiner Eltern noch vor der Geburt des Kindes, von ihren unterschiedlichen Herkünften und politischen Prägungen, von ihren familiären Bindungen und dem Verlust von Heimat. Das Kind darf später die Großeltern besuchen und setzt in Bruchstücken und erbetenen Erklärungen das Bild einer geteilten Familie zusammen. Vieles wird aus der Perpektive eines Kindes erzählt und gesehen, und was Schwartz gewiss gelingt, ist die Aufbewahrung von Alltagsgeschichte und persönlicher Lebensgeschichte, die in den Narrativen der Sieger untergestrudelt wurde.

schwarzWas Simon Schwartz aber merkwürdigerweise (noch) nicht gelingt, ist eine interessante Graphic Novel. Die Zeichnungen sind eigenwillig, schwarzweiß mit starken Konturstrichen, dunkle Grautöne dominieren und stellen flächige, stark typisierte Gesichter frei. Die einzelnen Bilder sind fein durchgearbeitet und im Detail sehr genau. Gelungen sind die ausdrucksvollen Perpektivwechsel, die so unruhig wie eine Handkamera daherkommen.

Dagegen fallen die Texte ab. Und unerklärlich langweilig gestaltet sich das Verhältnis von Text zu Bild. Im weißen Kasterl oben im Bild steht: “Wir lebten nur noch aus Kisten.” Das Bild zeigt drei offene Umzugskisten.  In einem anderen inserted Erklärungskasterl lesen wir: “Direkt nach dem Studium übernahm mein Vater eine 9. Klasse an einer polytechnischen Oberschule.” Wir sehen einen traurigen Lehrer am Pult vor einer Tafel sitzen.
Das sind keine hinterhältig ausgesuchten Ausnahmen, sondern sie spiegeln den Ton des Buches. Distanziert, didaktisch und ohne erzählerische Ambitionen zieht sich diese Rekapitulation eines Dramas durch die Bildfolgen, die – wenn sie einmal ohne Ton stehen dürfen – ihre eindringliche Kraft  durchaus zeigen. Schwartz’  Zeichnungen haben einzeln entschieden mehr Intensität als das Buch unterm Strich entfaltet. Trotzdem habe ich es aufmerksam bis zum Schluss gelesen, denn Sujet wie bildliche Inszenierung sind interessant.
claire Lenkova hat im Gerstenberg Verlag gerade ihren autobiographischen “Sachcomic” (Was mag das sein, ein autobiografischer Sachcomic?) >Grenzgebiete< vorgelegt. Thema, Genre und Generation scheinen sich bei diesem Jubiläum gut zu fügen. Die Verquickung von autobiographischem Ich und Historie aber bleibt jenseits von einzelnen Themen eine ästhetische Herausforderung.

Simon Schwartz: drüben!, Berlin: Avant Verlag, Oktober 2009, ISBN: 978-3-939080-37-4, 120 Seiten, s/w, 14,95 Euro.

Ich schaffe es heute nicht, den Nobelpreis ganz auszulassen, obwohl ich es mir fest vorgenommen hatte. Dass so viele darüber schreiben, heißt nicht, dass das Thema falsch ist.

Herta Müller hätte jede Auszeichnung allein für ihren jüngsten Roman >Atemschaukel< verdient. Schon das erste Kapitel ist eine Exerzitie in Genauigkeit und Bildkraft, eine Balance von Dingwelt und Sprachraum, ein so ungeheures Ineinssetzen von Erschütterung und Gleichmaß, dass man die Tränen die Augen bekommt (ich weiß wohl, dass diese persönliche Indiskretion seit Andreas Kilbs >War im Kino. Habe geweint< verbrannt ist.)
Sprechen allein scheint als Reaktion des Lesenden auf diese durchgeformte Trauerarbeit aber fast unzulänglich.

Der neue Brenner: Begeisterung Hilfskonstruktion

Tot ist er ja gewesen, der Simon Brenner nach dem sechsten Buch. Mausetot und im Himmel, sonst hätte der Verlag ja niemals eigens einen Schuber für sechs Bände gemacht. Sowas lohnt sich doch nur, wenn der Held endgültig hin ist, und der Handel den Süchtigen noch Stoff anbieten will.Wolf Haas (c) Hoffmann und Campe
Dass der Brenner einfach zu reden anfängt am Beginn, ist in dieser Hinsicht und jeder anderen auch eine Sensation für sich. Dass dann wieder was passieren würde, das denkst du dir dann schon, denn der Herr Simon, das ist keiner, bei dem es ruhig bleibt.

Nein, ich verfalle nicht der Versuchung zu versuchen zu schreiben, wie Haas schreibt, wenn Brenner und Haas sprechen und das Wortmaterial nur so wegfliegt. Das Problem ist ja nur, dass man gar nicht mehr rauskommt aus dieser destruierenden, Sinn entziehenden, komischen Weltwahrnehmungsweise. Die ganze Familie spricht nur noch in Ellipsen und Zitaten, sprich Wahnsinn. Kein Respekt mehr, nur tiefer Ernst da staunst du.
Der liebe Gott aus dem Titel, der im Roman selbst dann nur einmal auftaucht, macht ja nicht nur bei dem Brenner, der gerade in der Kloake ersäuft wird, einen guten Eindruck, der hat es letztlich auch gut mit uns gemeint, dass wir noch ein Buch mit dem Brenner Simon bekommen, wo der doch schon bei ihm war. Große Klappe hilft.  Seit der Brenner die Antidepressiva nimmt, so was von heiter und gelassen. Aber immer noch alle Polizeitechniken sprich gewieft.

Alles stimmt, was wahrscheinlich je geschrieben wurde: Sprengkraft des Idioms, konkrete Poesie, Sprachkritik und Klischeedurchdringung, Spracharbeit und Wortklang, Verdichtung und Wiederholung, Hybrid aus Sprachkunst und Populärkultur. Sprachmaterial und Denkfigur.
Obendrein ist dieser Krimi im österreichischen Sumpf aus Investoren, Politiker, Abtreibungsgegnern und Tirolerinnen auch noch ziemlich gut geplottet.
Nehmt alle Literaturpreise und schmeißt sie auf diesen glanzvollen, klugen, hinreißend komischen Roman drauf. Quasi Erpressung.

Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott, Kriminalroman, 223 Seiten, Hamburg: Hoffmann und Campe 2009. 19,80 Euro. ISBN 9783455401899

Es mögen Trinker sein, aber es sind auch nur menschliche Wesen

Der Aufwertungsdiskurs, der innerhalb der Comicfachbetriebe geführt wird, ist ja keineswegs uninteressant, wenn man denn etwas Zeit mitbringt.
Den heutigen Abend hatte ich mir reserviert, um auch etwas theoretisch Anspruchsvolles und gleichzeitig Originelles zum Verhältnis von Graphik und Literatur zu schreiben. Um mich auf der Höhe der Debatte zu bewegen, begann ich nach dem (frühen) Abendessen mit einigen aktuellen Zeitschriftenbeiträgen und Aufsätzen, danach lauschte ich dem (langen) Hörfunkmitschnitt einer Diskussionsrunde, wobei die Sendung bei mir ein starkes, dabei leicht lähmendes Déjà-Vu-Gefühl auslöste: nachmittägliche Philosophieseminare der achtziger Jahre, Schauspiele mit streng verteilter Rollenprosa. Alle waren sie da – die tüchtigen Assistenten, die glatten Rhethoriker und die bedächtigen Intellektuellen, alle, bis hin zu dem Mädchen, das in der Theorie nicht so zuhause ist, aber trotzdem von allen gemocht wird.
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Dass ja man viel Geld: Der internationale Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt

Die Shortlist für 35.000 Euro:

Alarcón, Daniel: Lost City Radio
Wagenbach 2008, (übersetzt von Friederike Meltendorf)
Doulatabadi, Mahmud: Der Colonel
Unionsverlag 2009 , (übersetzt von Bahman Nirumand)
Hage, Rawi: Als ob es kein Morgen gäbe
DuMont Verlag 2009 , (übersetzt von Gregor Hens)
Hemon, Aleksandar: Lazarus
Knaus Verlag 2009 , (übersetzt von Rudolf Hermstein)
Kohan, Martín: Zweimal Juni
Suhrkamp Verlag 2009 , (übersetzt von Peter Kultzen)
Mengestu, Dinaw: Zum Wiedersehen der Sterne
Claassen Verlag 2009, (übersetzt von Volker Oldenburg)

Rawi Hage zum Beispiel hat ein wunderbares Buch geschrieben – für das er bereits 2008 den IMPAC-Award – den mit 100.000 Euro höchst dotierten Literaturpreis der Welt – bekommen hat.
Aleksander Hemon: großes Buch  – mehrfach ausgezeichneter, in viele, viele Sprachen übersetzter Autor.
Dinaw Mengestu: überhaupt kein schlechter Roman, ganz im Gegenteil. Ein amerikanisches Debut, das sowohl in den USA wie in England und Frankreich schon abgefeiert und mit Preisen bedacht worden ist.

choirVier von sechs Romanen auf der Liste sind aus dem amerikanischen Englisch übersetzt – der etablierte amerikanische Lizenzmarkt für Literatur-
übersetzungen (und da bewegen sich alle vier Autoren mit ihren Agenten und Scouts) bietet so viel Raum für mutige verlegerische Entdeckertaten wie ein Freibad für Tiefseetaucher.
Nun ja, es geht bei dem Preis ja schließlich auch um das “vielsprachige und vielgestaltige Spektrum aktueller Erzählstimmen”, um nichts sonst.

Roman mischpachti

galit2Manchmal ist Lektüre – wie der Rest sonst auch im Leben – dem schieren Zufall zu verdanken.
Beim Herausnehmen eines benachbarten Buches aus dem Regal sehe ich noch kurz das gefällige Cover und lese den umständlichen Brigitte-Titel, als eine ungeschickte Bewegung dazu führt, dass das  Buch auf den Boden fällt und aufgeblättert liegen bleibt. ‘Aus dem Hebräischen von Stefan Siebers’ lese ich und denke, der macht doch sonst nur gute Titel. Und da ich nun ohnehin in die Hocke gehen muss, verweile ich dort unten und beginne zu lesen.
‘Über mich sprechen wir ein andermal’ ist in etwa der ungeschickteste Titel, den ich mir vorstellen kann. ‘The Unsatisfied’ laute der Originaltitel, heißt es im Impressum. Schon viel dichter am Roman,  dabei heißt doch >mischpachti< im Hebräischen, meine ich zumindest, nichts anderes als Familie.

Sei’s drum, es ist ein Familien- und Frauenroman, und Hasser des Genres sind gut beraten, die Finger davon zu lassen. Mazya verarbeitet das Standardrepertoire jüdischer Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts: Wien und Tel Aviv, Emigration und Assimilation, Verdrängung und Sehnsucht  -  dazu schöne Frauen, unglückliche Ehen, unstete Liebhaber und weise Großmütter. Ein paar kleine Krötchen muss man also schon schlucken, aber wenn die einmal unten sind, wird der Roman mitreißend. Was in erster Linie an der Hauptfigur liegt, Ruth Stein, der Großmutter der Ich-Erzählerin.
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Was fehlt: der Buchpreis der Independent

Die zwanzig Titel der Buchpreis-Longlist:

• Sibylle Berg: Der Mann schläft (Hanser)
• Mirko Bonné: Wie wir verschwinden (Schöffling & Co.)
• Thomas Glavinic: Das Leben der Wünsche (Hanser)
• Wolf Haas: Der Brenner und der liebe Gott (Hoffmann und Camp)
• Ernst-Wilhelm Händler: Welt aus Glas (Frankfurter Verlagsanstalt)
• Anna-Katharina Hahn: Kürzere Tage (Suhrkamp)
• Reinhard Jirgl: Die Stille (Hanser)
• Brigitte Kronauer: Zwei schwarze Jäger (Klett-Cotta)
• Rainer Merkel: Lichtjahre entfernt (S. Fischer)
• Terézia Mora: Der einzige Mann auf dem Kontinent (Luchterhand)
• Herta Müller: Atemschaukel (Hanser)
• Angelika Overath: Flughafenfische (Luchterhand)
• Norbert Scheuer: Überm Rauschen (C. H. Beck)
• Kathrin Schmidt: Du stirbst nicht (Kiepenheuer & Witsch)
• Clemens J. Setz: Die Frequenzen (Residenz)
• Peter Stamm: Sieben Jahre (S. Fischer)
• Thomas Stangl: Was kommt (Droschl)
• Stephan Thome: Grenzgang (Suhrkamp)
• David Wagner: Vier Äpfel (Rowohlt)
• Norbert Zähringer: Einer von vielen (Rowohlt)

Eine tadellose Liste, auf der höchstens ein paar Namen fehlen, aber gewiss kein falscher draufsteht.
Ich freue mich besonders für Rainer Merkel und für Peter Stamm und auf den neuen Brenner.

Die alternative Hotlist der Top 20 der unabhängigen  Kleinverlage ist eine prima Idee mit einigen guten Titeln in diesem Herbst.
Gerade habe ich den guten, überfälligen Gedanken, den spirograf-Buchpreis für die Independent zu vergeben.

Sommerlektüre

Wie viele Menschen in der Buchbranche gehöre ich zu den Suchtlesern. Ich lese Werbeaufschriften auf vorbei fahrenden Lastern, die Vorder- und Rückseite von Pflanzetiketten und die Briefe an die Herausgeber in der FAZ. CarlalesendDie Vorstellung, vier Busstationen ohne Lektüre verbringen zu müssen, macht mich nervös, und ich würde tatsächlich nie das Haus ohne ein Taschenbuch verlassen, wenn ich umsteigen muss. Eine Zugreise trete ich mit mindestens zwei Büchern und verschiedenen Zeitungen an, nur für den Fall, dass eine Lektüre im Vorfeld falsch gewählt war oder sich während der Lektüre als falsch herausstellt. Süchte gehören nun nicht zu den gesellschaftlich erwünschten Erscheinungen und werden deshalb anonym kuriert.
Aber die Zeiten der Scham sind vorbei, wie ich in einem französischen Blog las, der wiederum einen amerikanischen kommentierte und mich überhaupt erst auf das Thema Lesesucht brachte, denn ich  lese auch dauernd Texte im Internet. Die amerikanischen Lobbyverbände Booksellers Association and Publishers Association haben sich auf eine neuen Typus verständigt: den bekennenden bookaholic, der nun mit aparten Slogans ausgestattet wird und die Sucht salonfähig machen soll.

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