Ich kritisiere die Verleihung des Deutschen Buchpreises nicht, weil ich einen Einwand gegen die Preisträgerin Kathrin Schmidt oder gegen ihren Roman >Du stirbst nicht< (Kiepenheuer & Witsch) vorzubringen hätte, sondern weil diese Entscheidungsfindung einen Hautgout hinterlässt.
Iris Radisch schreibt in der ZEIT vom 20. August über Herta Müllers Roman >Atemschaukel<, er sei “kraftlos und schal, ja in manchen Passagen von peinigender Parfümiertheit”. Und weiter: “Das Bestreben, die Dramatik des Erlittenen und schier Unerträglichen durch besonders erlesene Herz-Schmerz-Vokabeln und Engelbeigaben zu unterstreichen, bringt eine Kunstschnee-Prosa hervor, die das Leid unter ihrem antiquarischen Pathos begräbt und das Unvorstellbare allzu vorstellbar macht.”
Diese Einschätzung sei ihr unbenommen, auch wenn fraglich bleibt, ob man als Jurorin diese starke, polarisierende und kaum noch zu hintergehende Meinung im Vorfeld publizieren muss.
Aber wenn mir die freien und meinungsmachenden Kritiker in der Jury, die so gern im Feuilleton der ZEIT ihre Artikel publizieren, jetzt weismachen wollen, dass man zu dieser Entscheidung in sachlicher, der ästhetischen Qualität der Texte verpflichteter Diskussion gekommen sei, dann hege ich Zweifel.
„Auswahl ist nie wirklich gerecht, aber im Streit um die Qualität ist sie nicht nur unvermeidbar, sondern auch gerechtfertigt, solange sie an nichts anderem als am Maßstab der Qualität orientiert ist.“ Das erklärt Dr. Honnefelder. Gerechtigkeit ist mir als Kategorie in diesem Kontext fern, aber wenn zudem noch beschwichtigend nachgeschoben wird, dass eine Würdigung Herta Müllers irgendwie verschenkt wäre, weil der Buchpreis neben dem Nobelpreis verblassen könnte, dann wäre ich am liebsten altmodisch empört.

