Manchmal ist Lektüre – wie der Rest sonst auch im Leben – dem schieren Zufall zu verdanken.
Beim Herausnehmen eines benachbarten Buches aus dem Regal sehe ich noch kurz das gefällige Cover und lese den umständlichen Brigitte-Titel, als eine ungeschickte Bewegung dazu führt, dass das Buch auf den Boden fällt und aufgeblättert
liegen bleibt. ‘Aus dem Hebräischen von Stefan Siebers’ lese ich und denke, der macht doch sonst nur gute Titel. Und da ich nun ohnehin in die Hocke gehen muss, verweile ich dort unten und beginne zu lesen.
‘Über mich sprechen wir ein andermal’ ist in etwa der ungeschickteste Titel, den ich mir vorstellen kann. ‘The Unsatisfied’ laute der Originaltitel, heißt es im Impressum. Schon viel dichter am Roman, dabei heißt doch >mischpachti< im Hebräischen, meine ich zumindest, nichts anderes als Familie.
Sei’s drum, es ist ein Familien- und Frauenroman, und Hasser des Genres sind gut beraten, die Finger davon zu lassen. Mazya verarbeitet das Standardrepertoire jüdischer Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts: Wien und Tel Aviv, Emigration und Assimilation, Verdrängung und Sehnsucht - dazu schöne Frauen, unglückliche Ehen, unstete Liebhaber und weise Großmütter. Ein paar kleine Krötchen muss man also schon schlucken, aber wenn die einmal unten sind, wird der Roman mitreißend. Was in erster Linie an der Hauptfigur liegt, Ruth Stein, der Großmutter der Ich-Erzählerin.
Diese Frau gehört einem Typus an, der ausgestorben scheint im Leben wie in der Literatur: schwierig, nervös, egozentrisch, zur Schuld geneigt und zur unglücklichen Liebe begabt. Auf dem Hintergrund der Emigrationsgeschichte von Wien nach Tel Aviv, der nationalsozialistischen Verfolgung und der Zerstörung von Biografien, entsteht ein sehr feines Familienportrait, das weit entfernt ist von den Klischees, die man zu Beginn vermuten möchte. Ruth bewegt sich in einer in allen Lebensphasen misslingenden Mutter-Tochter-Beziehung, die erst im Verhältnis zur Enkelin Versöhnung findet. Die Enkelin, Nomi, ist die Ich-Erzählerin des Romans, sie rekonstruiert als erwachsene Frau aus den nachgelassenen Tagebüchern der geliebten Großmutter die familiäre Vergangenheit. Allzu lange hatte sie ihre Vergangenheit und Herkunft verdrängt, doch eine Reise nach Wien gibt den Impuls, die Tür aufzustoßen.
Die Perspektivwechsel und vor allem die überzeugend gestalteten Dialoge bauen einen starken Spannungsbogen auf – Edna Mazya ist vor allem als Theaterschriftstellerin in Israel bekannt & erfolgreich. Formal gewiss keine Revolution in der Prosakunst, doch ein überaus intelligenter (und unterhaltsamer) Familienroman.
Stefan Siebers wie gewohnt in Bestform – “Das ist hier ist nicht die SPD, meine Herren, hier spielen Profis.”
Edna Nazya: Über mich sprechen wir ein andermal, Roman, 431 Seiten. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. Aus dem Hebräischen von Stefan Siebers. ISBN 978-3-462-04036-4


