Who will be the witness

Der Erzählungsband “Sarajevo Marlboro” erschien erstmals 1994 – noch während der Belagerung von Sarajevo. Jergovic (auf das c gehört ein accent égu, was die Sonderzeichen hier nicht hergeben), geboren 1966,  lebte als bosnischer Kroate zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Jahre in Zagreb.Sarajewo
In den fünfzehn Jahren seither sind von ihm – in viele Sprachen übersetzt – große Romane erschienen, zuletzt in Deutschland 2008 “Das Walnusshaus” (Schöffling). Die Erzählungen führen also gewissermaßen an den Anfang des Schriftstellers Jergovic zurück. Des  Schriftstellers vielleicht – als Reporter, Lyriker, politischer Kommentator und Kritiker war Jergovic vorher längst bekannt und international renommiert.

Dass hier jemand in der lyrischen Genauigkeit geschult ist, merkt man der Sprache dieser Erzählungen an, auf die ohne Ausnahme die Beschreibung eines Kritikers passt: “Das Debut als Meisterwerk”.
Im Gravitationszentrum jeder der Texte steht eine alltägliche Kleinigkeit, eine scheinbar belanglose Nebensächlichkeit, die in einer Welt von Krieg und Terror vermeintlich keine Bedeutung haben oder generieren kann. Rakusa hat in der NZZ über “Sarajevo Marlboro” geschrieben: “die schmerzliche, wilde, anrührende, poetische, sinnliche Kraft des Details” und trifft damit sehr schön das poetologische Verfahren dieser Erzählungen, die einen Lesesog entfalten, der unheimlich ist angesichts der Grausamkeit, der kühlen Leere und Verzweiflung, von der sie erzählen. Jeder Erzählbogen ist über einem zerbrechlichen Detail  – einem Kaktus, dem Klingeln der Straßenbahn oder einer Schachtel Zigaretten – , gespannt, das in einer Welt, die jede Erwartung und jede Regelhaftigkeit eiskalt unterläuft noch die letzte Gewähr für das Dasein bietet – oder zumindest die Erinnerung an ein unversehrtes Leben.
Der Krieg, den wir medial präsentiert und in appetitlichen Häppchen serviert bekommen haben, schnurrt in diesen Chiffren zusammen auf sein monströses Maß. Der Alltag bietet keine Normalität mehr, er ist gespenstisch, von Zufällen bestimmt, irrational und mörderisch. Lakonie ist hier keine Attitüde, sondern Jergovis Sprache innewohnend – als Haltung, um es auszuhalten.

Miljenko Jergovic: Sarajevo Marlboro, Erzählungen. Frankfurt am Main: Schöffling & Co. 2009, 195 Seiten.
ISBN 978-3-89561-392-0. Aus dem Kroatischen (fabelhaft übersetzt) von Brigitte Döbert.

pixelstats trackingpixel

Post a Comment

Your email is never shared. Required fields are marked *

*
*