Dieser Christophe Berthier-Leibowitz von Hannelore Cayre ist das Abziehbild einer Comic-Kunstfigur. Seine Sprechblasen sind ständig mit Ausrufezeichen gefüllt, Blitze und Fäuste umtanzen seinen Kopf. Mit den Händen in den Taschen
und gesenktem Blick verlässt er die Kampfszenen, geschlagen vielleicht, aber nicht am Boden. Keine Sorge, ich komm wieder.
Und was ein selbstsüchtiger Flegel, grob, egozentrisch, empfindlich nur, wenn es um ihn selbst geht, ohne Moral noch Anstand. Sex hätte er gern mehr, doch seine Fettleibigkeit mindert den Erfolg bei den Frauen. Er säuft und ist ordinär. Und ganz wichtig: natürlich gehört er nicht zur juristischen Elite des alten Frankreichs, nein, diese Kotzbrocken blicken nur verächtlich auf den Emporkömmling mit jüdischem Namen. Also schluckt er Staub, und das bedeutet im Justizwesen: Strafverteidiger für Nutten, Dealer, Schänder, Betrüger, Diebe, Hehler, Schmuggler, Waffenhändler, nichtsnutzige Ausländer ganz allgemein oder auch Brandstifter oder Erpresser. Er verachtet Autoritäten, doch seine manische Systemzersetzung erfolgt nach privatistischen Maßgaben. Seinem Hang zum Nichtstun frönend, unterhält ein Konto bei der Dresdner Private Banking in Zürich mit verdammt vielen Nullen hinten. Marie-France heißt die Steuerinspektorin, die ihn pfänden lässt (nicht das Nummernkonto). Sein Sprachgebrauch ist gekennzeichnet von Obszönitäten, Zynismen und halbwitzigen Sprüchen. Durch seine Geschichten schleppt er sich mal mühsam, mal voller guter Vorsätze, wieder einmal in die Handlung einzugreifen und den Lauf der Welt zum Besseren und seinem Vorteil zu wenden.
Cayre steckt ihm wie eine freundliche Kollegin in jedem Buch einen netten Plot in die Jackentasche, damit er nicht so allein durch den Text muss. Beim ersten Mal (Der Lumpenadvokat) war es eine haarsträubende Knast-Austausch-Nummer, dieses Mal eine hoch anständige Beutekunstaffaire, im dritten Buch der Leibowitz-Serie (Ground XO), das bislang nur in Frankreich erschienen ist, werden Rap und Cognac eine sehr große, urkomische Rolle spielen.
Habe ich erwähnt, dass er hinreißend ist, dieser nervige Typ? Dass man diese Bücher unbedingt lesen sollte, wenn man keine Krimis mehr lesen will? Das Lob gebührt dem Übersetzer Rudolf Schmitt, der ein Meisterstück daraus gemachct hat.
Das war wieder unsere Sendung: Bleiben Sie informiert: Informationen zur Literatur unserer Nachbarländer. Schalten Sie wieder zu, wenn es heißt: Bleiben Sie informiert.
Hannelore Cayre: Das Meisterstück. Ein Fall für Leibowitz. Kriminalroman, Unionsverlag 2008
ISBN 978-3-293-00390-3



One Comment
Keine Meldungen aus Leipzig? Kommt da noch was? Gruße aus Berlin, Bettina