Das Zeichen des Widders ist wohl eines der aufregendsten Bücher des Jahres, Ende September im Aufbau Verlag, in Frankreich bereits 2000 bei Viviane Hamy unter dem Titel Les Quatres Fleuves erschienen.

Edmond Baudoin, Foto: (c) Valérie Berge
Der Vier-Ströme-Brunnen ist von Bernini, und Vincents Vater baut in der Geschichte die riesige Marmorskulptur hinterm Haus aus gewalzten Bierdosen und Kronkorken nach. Das Material, das er dafür benötigt, sammeln seine vier Söhne auf den Pariser Straßen ein, und wenn sie ein Bier trinken gehen, dann wählen sie die Marke nach den fehlenden Farbschattierungen. Vincent lebt in der Banlieue in einem ganz eigenen, geschlossenen Familienuniversum, begeht mit seinem Kumpel kleinere Einbrüche und Überfälle, bis eines Tages etwas schiefläuft. Ihre Beute besteht aus viel Geld, aber in der Tasche finden sich daneben noch unheilvolle Dinge, die die Jungs erschaudern lassen. Grégoire nimmt die Tasche mit nach Hause, am nächsten Morgen findet Vincent ihn getötet in seiner Wohnung. Die Mörder haben nach etwas gesucht, es aber offenbar nicht gefunden, denn Vincent kennt das Versteck seines Freundes, nimmt die Tasche an sich und wird von diesem Moment an zur Zielscheibe des Widders – eines Serienmöders, der seine Opfer nach bestimmen Ritualen zurichtet.
Fred Vargas führt die erste Krimiliga seit vielen Jahren an, die Figur des eigenwilligen, kopflastigen, träumerischen und traumsicheren Kommissars Adamsberg war noch verhältnismäßig jung, als sie sich auf die Zusammenarbeit mit Baudoin verständigt hat. Für ihre Dialoge ist sie völlig zurecht gerühmt und geliebt.
Edmond Baudoin. Eine ausführliche Bibliographie findet man auf seiner Seite, wo auch Zeichnungen, Ausschnitte und Cover zu finden sind (ebenso ein hinreißend-verspielter “Animationsfilm”). Baudoin wurde 1942 inNizza geboren und fing erst mit 33 Jahren an zu zeichnen. Er choreographierte – und tut es wohl zuweilen immer noch – Stücke für Modernes Ballett und arbeitete einige Jahre sehr erfolgreich als Manga-Zeichne
r.
Das Ballett scheint für ihn eine zentrale ästhetische Erfahrung gewesen zu sein, und wenn auf dem Klappentext auch das schöne und ganz angemessene Zitat aus Le Monde steht: ” So kraftvoll wie eine Oper, so zart wie eine Jazz-Melodie”, so meine ich doch, dass die zentralen Denkfiguren des Balletts, Rhythmus und Dichotomie, die Kraft und emotionale Wucht dieser Zeichnungen ausmachen. Ja, die beiden erzählen einen Kriminalroman, doch irgendwie wie nebenbei. Es geht um die Sprache – die der Dialoge und der Striche: angerissen, dunkel, hoch rhythmisiert, atmosphärisch, dem Unbewussten zugewandt.
Es gibt so ein schönes, abgelutschtes Wort der Literaturkritik: kongenial.
Und klug.
Vargas / Baudoin: Das Zeichen des Widders, Roman, Aufbau Verlag 2008, ISBN 978-3351032500. Übersetzung von Julia Schoch (literarisch und fein). Dass der im Cover eingesetzte Störer “Mit Zeichnungen von Baudoin” der Sache denkbar unangemessen ist, ist klar.
Das war wieder unsere Sendung: Bleiben Sie informiert: Informationen zur Literatur unserer Nachbarländer. Schalten Sie wieder zu, wenn es heißt: Bleiben Sie informiert.


