“Liebe schaut weg” ist schon im Oktober letzten Jahres erschienen und wurde in Feuilletons und Foren ausführlich besprochen. Durchweg begeistert, soweit ich sehen kann. Nun habe auch ich endlich Buch und Zeichnerin mit gehöriger Verspätung entdeckt.
Line Hoven hat Illustration an der Hamburger Universität für Angewandte Wissenschaften bei Anke
Feuchtenberger studiert und “Liebe schaut weg” als Diplomarbeit eingereicht.
Hoves Technik erinnert den Laien an den finsteren Linolschnitt. Doch man kann sich schlau machen: Sie benutzt offenkundig ein sehr aufwändiges Verfahren, kratzt nämlich ihre Bilder in Papierbögen, die mit Kreide und darüber mit Tusche beschichtet sind. Die einzelnen Linien entstehen auf und aus diesen Negativbögen. Die schwarzen Hintergründe, das quadratische Format, die hochwertige Papierqualität – all diese Elemente unterstreichen die Assoziation zum Fotoalbum.
Stupend ist angesichts dieser zeitraubenden, gewissermaßen langsamen Technik die Detailvielfalt und -genauigkeit der einzelnen Bilder, in die man sich verguckt und beim zweiten Lesen vieles erst entdeckt.
Der Gestus dieser Graphic Novel kommt – ja, schüchtern daher, Schmetterlingsflügel über den Ehepaaren. Das Buch ist fabelhaft gearbeitet und anrührend erzählt. Es reiht sich thematisch ein in eine Linie junger Erzählerinnnen wie Julia Franck, Jenny Erpenbeck und Katharina Hagena – sie alle wenden sich mit ganz unterschiedlichen Stilmitteln der Familengeschichte in Deutschland zu: den Leerstellen im Fotoalbum, als der Großvater im Sommerlager der Hitlerjugend die Irmgard freite.
Souveräne Verwendung der Bildmittel, eine Freude, den Wechseln der Perspektiven zu folgen, die alle einen Fluchtpunkt haben: jenen unsichtbaren Moment, wenn die Liebe kommt.
Meine Lieblingsseite: vier Stellungen eines Science-fiction-lesenden Jungen im Sessel.
Line Hoven: Liebe schaut weg
Reprodukt 2007. 96 Seiten, schwarzweiß, 24 x 21 cm, Klappenbroschur
ISBN 978-3-938511-66-4, 14,- Euro


